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Magazin für Häfen, Schifffahrt und Logistik

Futterlogistik und fliegende Eisbären

Ein echter Drahtseilakt: Aufgrund der besonderen Lage des Zoos direkt am Deich müssen in Bremerhaven nicht nur die Eisbären mit einem Kran ins Gehege verfrachtet werden.

Damit Zootiere täglich mit dem bestmöglichen Futter versorgt werden, haben Tiergärten eine ausgeklügelte Logistik entwickelt. Diese greift auch bei Tiertransporten, die im Rahmen von Zuchtprogrammen zwischen den Zoos erfolgen – wie der Blick nach Hannover und Bremerhaven zeigt.

Fotos: ZOO AM MEER BREMERHAVEN, BERND OHLTHAVER, ERLEBINS_ZOO HANNOVER, TORSTEN BREUER; PIXABAY/7089643

Der Zoo am Meer in Bremerhaven ist der kleinste wissenschaftlich geleitete Zoo in Europa. Auf einer Nutzfläche von 11.800 Quadratmetern präsentiert er rund 115 verschiedene Tierarten – mit einer Spezialisierung auf im Wasser lebende und nordische Spezies. Entsprechend breit gefächert ist die Palette der benötigten Futterarten, wobei man in Bremerhaven bestrebt ist, so viel Futter wie möglich regional zu kaufen. „Unser Obst und Gemüse kommt zum größten Teil vom hiesigen Großmarkt und das Fleisch vom Schlachthof in Bremerhaven“, so Dr. Heike Kück, Direktorin und Geschäftsführerin des Zoos am Meer. „Dort beziehen wir beispielsweise fettes Rindfleisch für die Eisbären und mageres Rindfleisch für die Pumas. Die Austern für den Kraken kommen von einem Bremerhavener Fischhändler.“ Zusätzlich bekomme man für die Seepferdchen zweimal pro Woche lebende Kleinkrebse mit einem Übernachtkurier aus Büsum, während der Fisch für die Robben, Eisbären und Pinguine per Tiefkühl-Lkw aus dem niederländischen Valkenburg komme. Auf dem Zoogelände werden die verschiedenen Futterarten dann in unterschiedlichen Tiefkühl- und Kühlräumen mit entsprechenden temperaturspezifischen Einstellungen zwischengelagert.

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Der Lkw spielt bei der Futterlogistik eine wichtige Rolle. Aber auch die Anlieferung der Bäume für die Schimpansenanlage erfolgte beim Zoo am Meer auf diesem Weg.

„Mir ist immer mulmig zumute, wenn …“

Wesentlich komplizierter als die Anlieferung des Futters gestaltet sich in Bremerhaven der Transport der Tiere in ihre Gehege. „Wir haben bei uns die besondere Situation, dass wir direkt vorm Deich liegen und eine eigene Hochwasserschutzwand um den Zoo herum verläuft. Zudem sind die Gänge im Zoo relativ schmal“, erläutert Kück. Man komme daher nicht mit dem Lkw in den Zoo und damit auch nicht direkt an die Gehege. Stattdessen müssten nicht nur Eisbären, sondern auch die Ausstattung für die Gehege – wie Bäume, Steine und Holzeinstreu – per Kran in die Anlagen gehoben werden. Während Kück bei den besagten Materialtransporten inzwischen absolut tiefenentspannt ist, geht ihr Puls deutlich in die Höhe, wenn Tiere in den Boxen am Kranhaken hängen. „Sie können sicher sein, dass mir immer mulmig zumute ist, wenn ein Eisbär über mir fliegt. Dabei denke ich jedes Mal: Hoffentlich halten die Ketten … “, gibt sie einen Einblick in ihr Seelenleben.

Im Rahmen der Tiertransporte kommen die unterschiedlichsten Verkehrsträger zum Einsatz. Kleinere Transporte, zum Beispiel von Robben, Pumas oder Krallenäffchen, werden von den Bremerhavenern mit dem hauseigenen Zootransporter selbst durchgeführt. Bei größeren Tieren wie den Eisbären kommen jedoch externe Tiertransportspeditionen mit ins Spiel. „Aber egal, ob groß oder klein, für alle Tiere werden nur spezielle Transportkisten benutzt, die den geltenden IATA-Standards entsprechen“, betont Kück. Die dazugehörigen Begleitpapiere würden nach eingehender Untersuchung der Tiere von ihr und dem Tierarzt überprüft und unterschrieben. Die weiteren schriftlichen Formalien hängen dann vom Zielort der wertvollen Fracht ab. „Innerhalb der EU sind mehrere Unterlagen erforderlich – vom Herkunftsnachweis, dass die Tiere legal gehalten werden, dem sogenannten ZIMS-Dokument, über Traces-Papiere, dass die Tiere gesund sind und keine Seuchen verbreiten, bis hin zu einer Transportbescheinigung für die Dauer des Tiertransports und einer Proforma-Rechnung für den Zoll. Für Tiere, die außerhalb der EU transportiert werden, sind überdies beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn eine CITES-Exportgenehmigung und im Empfängerland eine CITES-Importbescheinigung zu beantragen“, so Kück.

Eine Fähre als Transportmittel

Im vergangenen Jahr hat der Zoo am Meer keine Tiere abgegeben, dafür aber einen Seebären aus Dänemark per Lkw bekommen und einen Puma aus dem niedersächsischen Tierpark Ströhen mit dem zooeigenen Kleintransporter geholt. Nach Aussage von Kück waren das allerdings „kleine Fische“ im Vergleich zu einigen Eisbärtransporten der vergangenen Jahre. So wurde die Eisbärin Valeska 2012 unter anderem sogar mit einer Fähre aus dem Süden Lapplands ins Elbe-Weser-Dreieck verfrachtet. „Ähnlich spannend war der Lkw-Transport der beiden Eisbären Olinka und Lloyd von Wien nach Bremerhaven im Jahr 2002“, erinnert sich Kück. „Der Fahrer berichtete mir damals, dass die beiden Tiere das Gefährt deutlich bewegt hätten. Selbst an einer Tankstelle hätten sich Passanten über den wackelnden Transport gewundert, der zudem noch merkwürdige Laute von sich gab.“ Zur Erklärung: Tiertransporte dürfen nur mit wachen Tieren durchgeführt werden. Und zum Bewegungsrepertoire von Eisbären gehört, dass sie mit den Vordertatzen auf und ab springen – und das tat Olinka in ihrer Kiste.

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Mit der Größe der Tiere wachsen auch die Anforderungen an die Transportlogistik. Dabei stehen stets das Wohl der Tiere und die Sicherheit im Vordergrund.

Erlebnis-Zoo Hannover: Mammutaufgabe für fast 2.000 Tiere

Beim Erlebnis-Zoo Hannover ist der Name Programm: Hier können Besucher an nur einem Tag rund 2.000 Tiere aus fast 200 Arten und von allen Kontinenten erleben. Entsprechend groß ist der logistische Aufwand, der betrieben wird, um – von der Achatschnecke bis zum Zwergrüsseldikdik – für alle Tiere das richtige Futter in die niedersächsische Landeshauptstadt zu bekommen. So fanden im Jahr 2020 unter anderem 2.400 Kisten Obst, 20 Tonnen Fleisch, 28 Tonnen Salz- und Süßfisch sowie fast 20.000 Eier den Weg an die Adenauerallee. Hinzu kamen 8.558 Kisten Gemüse, 170 Tonnen Heu, 116 Tonnen Stroh und 39 Tonnen Karotten – um nur einige Beispiele zu nennen.

„Da Nachhaltigkeit einer unserer zentralen Werte ist, versuchen wir, so viel Futter wie möglich von regionalen Anbietern zu beziehen“, erläutert Klaus Brunsing, zoologischer Leiter des Erlebnis-Zoos Hannover. Das funktioniere insbesondere bei Heu und Stroh sowie bei Obst und Gemüse sehr gut. Darüber hinaus bekomme der Zoo Trockenfuttermittel aus dem gesamten Bundesgebiet und Seefisch von niederländischen Fischhändlern geliefert. „Den weitesten Weg hat – abgesehen von einigen exotischen Früchten – unser Luzerneheu hinter sich, das aus Südfrankreich oder Spanien kommt und in Containerwechselbrücken angeliefert wird“, so Brunsing. Verderbliche Waren wie Fleisch und Fisch werden ebenfalls überwiegend mit dem Lkw, und zwar in Kühl- oder Gefriercontainern, nach Hannover transportiert. Die lagert der Zoo, bis sie an die Tiere verfüttert werden, in seinem Zentrallager, das unter anderem mit speziellen Kühleinrichtungen ausgestattet ist. „Hierbei darf die Kühlkette aus Qualitätsgründen nicht unterbrochen werden“, betont Brunsing, um dann darauf zu verweisen, dass der Zoo mit einem Großteil der Futterlieferanten bereits seit vielen Jahren zusammenarbeite, „da Vertrauen und Zuverlässigkeit in der Logistik eine wesentliche Rolle spielen“.

Je größer, desto schwieriger

Aber nicht nur die Futterlogistik, auch die Tierlogistik gehört zum Alltag der Zoos, die im Rahmen von Zuchtprogrammen regelmäßig Tiere untereinander austauschen. Ihre damit verbundenen Ziele sind der Erhalt genetisch gesunder Populationen und die Bewahrung der Biodiversität. „In der Vergangenheit hat es sich bewährt, diese Transporte überwiegend im Frühjahr oder im Herbst durchzuführen. Denn im Sommer können hohe Temperaturen den Kreislauf der Tiere belasten, während im Winter vereiste Straßen die Durchführung der Tiertransporte gefährden können“, erklärt Brunsing. Im Vorfeld jeder Reise – egal ob mit einem Kleintransporter, Lkw oder im Flugzeug – gilt es, zahlreiche Details, unter anderem zum richtigen Transportmittel, zur passenden Transportkiste und zu veterinären Fragen, minutiös zu klären. Dabei trifft oftmals die Faustformel zu: je größer die zu verfrachtende Spezies und je länger der Transportweg, desto größer die Herausforderungen.

„2018 haben wir drei Orang-Utans an Zoos in den USA abgegeben. Von der Planung bis zur Umsetzung per Flugzeug hat es knapp zwei Jahre gedauert“, so Brunsing. Allerdings seien solche großen Zeitfenster eher die Ausnahme. 2021 habe man zum Beispiel den reibungslosen Transport von Bennettkängurus nach Bad Pyrmont und eines Wombats nach Prag innerhalb weniger Wochen auf die Beine gestellt. Für jede Tierart gebe es dabei spezielle Anforderungen an die jeweilige Transportkisten und -fahrzeuge, wobei die zentralen Kriterien immer das Wohlergehen des Tieres und ein sicherer Transport seien. „Bei Giraffen gilt es beispielsweise darauf zu achten, dass sie während des Transports aufrecht stehen können. Bei den bis zu fünf Meter hohen Tieren bedarf es daher eines entsprechend hohen Transportanhängers“, ergänzt Brunsing. Zurzeit planen er und sein Team, 2022 einen weiblichen Löwen nach Hannover zu holen und sieben Brillenpinguine an einen Zoo in den Niederlanden abzugeben.

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Nicht nur die Präriehunde in Hannover haben großen Appetit. Rund 2.000 Tiere aus 200 Arten müssen dort täglich mit dem richtigen Futter versorgt werden.

So haben sich die Zeiten geändert. Eine Informationstafel im Erlebnis-Zoo informiert über Artenschutzprogramme und den Austausch von Tieren zwischen den Zoos.

Erfolgreicher Artenschutz

Besonders stolz sind die Verantwortlichen im Erlebnis-Zoo auf ihre Artenschutzprojekte im Zuge des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP). Hier hat man unter anderem die Wiederansiedlung von in Zoos nachgezüchteten Addax-Antilopen in Nordafrika koordiniert. „Mehr als 50 Tierarten sind – oder waren – in der Wildbahn bereits ausgestorben, haben aber dank des Engagements der internationalen Zoogemeinschaft in Menschenobhut überlebt“, unterstreicht Brunsing die Bedeutung von Artenschutzprojekten und der damit verbundenen Logistik. (bre)