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Der Anker im Emder Hafengeschehen

Christoph Kolter leitet seit April vergangenen Jahres als Hafenkapitän in Emden das Port Office und ist damit die zentrale Anlaufstelle für Reeder, Kunden und Dienstleister in Deutschlands westlichstem Universalhafen.

Fotos: NPORTS, CLAUDIA BEHREND; Grafik: NPORTS

Wenn Hafenkapitän Christoph Kolter den Emder Hafen zeigt, hört er manchmal: „Das ist ja ganz schön groß, das Gebiet.“ Stimmt: Mit dem historisch gewachsenen tidefreien Binnenhafen und dem modernen tideoffenen Außenhafen sind es stattliche 1.163 Hektar. Damit ist Emden Deutschlands drittgrößter Seehafen, worauf auch der neue Hafenkapitän ein wenig stolz ist. Schließlich ist Kolter mit seinem 35-köpfigen Team seit Juni vergangenen Jahres dafür verantwortlich, dass im Hafen am Nordufer der Ems alles rundläuft.

Genau genommen hat der 46-Jährige allerdings nicht nur einen Job, sondern eigentlich gleich drei: So leitet er das Port Office in Emden, wo er als Hafenkapitän gemeinsam mit seinem Team bei NPorts zum Beispiel den Schiffsverkehr regelt, Liegeplätze vergibt, die Schleusen betreibt und für die Abrechnung der Hafengebühren verantwortlich ist. Außerdem nimmt Kolter im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung die Aufgaben der Hafenbehörde in Emden wahr. Zu den behördlichen Tätigkeiten gehören unter anderem die Gefahrenabwehr in Hafen- und Schifffahrtsangelegenheiten, die Sicherheit von Häfen und Hafenanlagen, die korrekte Schiffsmüllentsorgung nach dem Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt (MARPOL) sowie die Beförderung gefährlicher Güter im Hafen. Überdies ist der gebürtige Rheinländer, der aus Emmerich am Rhein stammt, auch Leiter der lokalen Hafensicherheitsbehörde – und zwar nicht nur für Emden, sondern ebenso für Leer und Papenburg.

Gefahrenabwehr in Hafen- und Schifffahrtsangelegenheiten

Ein wichtiger Aufgabenbereich ist die allgemeine Gefahrenabwehr. Was in der Amtssprache abstrakt klingt, ist im Berufsalltag des Hafenkapitäns nicht nur sehr konkret, sondern oft auch anspruchsvoll: „Ich erteile die hafenbehördlichen Erlaubnisse, zum Beispiel wenn tiefgehende Schiffe gegen die Tide gelöscht werden sollen“, so Kolter. Wenn starker Wind weht und große RoRo-Schiffe wie die „Malacca Highway“ der japanischen Reederei K-Line mit Platz für 1.811 Fahrzeuge den Hafen ansteuern, prüft der Nautiker vom Dienst, ob das Ein- oder Auslaufen aufgrund der großen Segelfläche solcher Autotransporter kritisch werden könnte. „Normalerweise achten die Kapitäne selbst darauf, aber wir gehen lieber auf Nummer sicher.“

Ein anderes Beispiel ist das Schleusen besonders großer Schiffe und anderer Wasserfahrzeuge wie vor einiger Zeit ein Ponton. Auf ihm sollte eine 43 Meter breite Gitterkonstruktion für die Fischzucht in einer norwegischen Aquafarm vom Binnenhafen durch die Schleuse in den Außenhafen transportiert werden – und dies bei einer Schleusenbreite von nur 40 Metern. Zieht man davon Sicherheitsabstände und die Breite der Befenderung noch ab, verringert sich die Durchfahrtsbreite weiter. Aber dadurch, dass die Konstruktion auf dem Ponton über die Kaikanten hinaus gefahren wurde, hat es funktioniert.

Bevor Kolter die dafür erforderliche Genehmigung erteilt, spielt er die Abläufe mit allen Beteiligten genau durch. „In diesem Fall habe ich mich vom Ältermann der Lotsenbrüderschaft beraten lassen, mich mit den verantwortlichen Ingenieuren des Unternehmens abgestimmt und dann die Auflagen formuliert“, so Kolter. Hier bedeutete das konkret, den Transport vom Unternehmen vorher im Simulator durchzuspielen und die anschließende Beratung der Schlepper durch die Lotsen. „Es war so eng, dass wir sogar Warntafeln und Zaunanlagen abbauen mussten“, erinnert sich der Hafenkapitän. „Letztlich hat dann alles gut geklappt.“.

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Als Universalhafen ist Emden breit aufgestellt: Er zählt nicht nur zu den bedeutendsten europäischen RoRo-Häfen (oben), sondern es werden auch so unterschiedliche Güter wie Forstprodukte, Flüssigkreide, Mineralstoffe, Magnesiumchlorid und Flüssigdünger sowie Projektladung hier umgeschlagen. Der historische Bordkran der Nordseewerke (links unten) zählt zu den Wahrzeichen der Stadt.

Sicherheit von Häfen und Hafenanlagen (Port Security)

Wie facettenreich der Verantwortungsbereich von Kolter ist und was alles unter den Aufgabenbereich Sicherheit fallen kann, zeigte sich unlängst. „Im Zusammenhang mit einem Arbeitskampf sollte der Demonstrationszug über die Schleuse führen“, berichtet Kolter. „Wir bekommen aber ein nautisches Problem, wenn ein Schiff im Zulauf ist und dann nicht reinfahren kann, weil sich das Schleusentor nicht öffnen lässt. Je nachdem wie der Wind steht, kann das Schiff dann nämlich gar nicht mehr stoppen.“ Daher wurden in die Entscheidung über die Genehmigung der Streckenführung auch der Hafenkapitän und die Wasserschutzpolizei einbezogen.

Die Beispiele zeigen, wie abwechslungsreich der Job des Hafenkapitäns ist: „Jeder Tag ist anders und bringt neue Themen. Man muss daher aufpassen, dass man die Arbeit auch vom Tisch bekommt“, sagt Kolter. Dabei helfen Routine und standardisierte Abläufe: So lassen sich Kolter und sein Stellvertreter Christof Lingelbach morgens in der Regel durch den wachhabenden Kollegen über die Ereignisse der Nacht informieren. Dann müssen E-Mails gelesen und der Tagesablauf sowie die anstehenden Termine zwischen Hafenkapitän und Stellvertreter besprochen und abgestimmt werden.

Wenn beide da sind, gibt es eine klare Aufgabenverteilung: „Mein Stellvertreter kümmert sich um die hafenbehördlichen Erlaubnisse und insgesamt mehr um das Personal sowie interne Themen. Ich nehme die Außentermine wahr – mit allen, die im Hafen ansässig sind“, erläutert Kolter. „Grundsätzlich aber machen wir beide die gleiche Arbeit und vertreten uns auch.“ Deshalb sei es für ihn auch keine große Umstellung gewesen, als er vergangenes Jahr nach sieben Jahren als stellvertretender Hafenkapitän in Emden und Cuxhaven selbst offiziell die Leitung über das Port Office in Emden übernahm.

Fakten

Port Office Emden

Aufgabe: Leitung des Hafens
Hafenkapitän: Christoph Kolter
Mitarbeiter: 35

Weitere Informationen

Zur Arbeit des Hafenkapitäns gehört viel Koordination vom Schreibtisch aus. Doch auch von seinem Büro aus hat Kolter den Emder Hafen stets im Blick.

Geprägt ist der Job des Hafenkapitäns nicht nur von der Zusammenarbeit mit seinem Kollegen und dem Team, sondern auch mit den unterschiedlichsten Behörden wie der Wasserschutzpolizei. Unter anderem bei Havarien tritt er auch als Verfolgungsbehörde für Ordnungswidrigkeiten auf. Zur Genehmigung der Bebunkerung mit LNG, die in Emden sowohl vom Lkw zum Schiff als auch von Schiff zu Schiff möglich ist, wurden die Auflagen gemeinsam mit dem Gewerbeaufsichtsamt, der Polizei, der Feuerwehr und der Bunkerfirma erarbeitet. Aber es gibt auch Schnittstellen zur IT, beispielsweise für die Programmierung der App, die es Binnenschiffern erlaubt, sich auf dem Handy in Emden anzumelden. Beim Landstrom hat NPorts bei Kolter gerade alle möglichen Liegeplätze in Emden abgefragt.

Ob nautische Fragen, Abstimmungen mit Behörden oder der richtige Umgang mit Menschen und Personal – Kolter, der aus einer Beamtenfamilie stammt, profitiert angesichts dieser unterschiedlichen Anforderungen gleichermaßen von seinem Studium der Reedereilogistik an der Hochschule Emden/Leer wie von seiner langjährigen Berufserfahrung als Marineoffizier und Kapitän in der Handelsschifffahrt an Bord von Stückgut-, Mehrzweck und Containerschiffen. Und den Emder Hafen könnte er Besuchern und Schifffahrtsexperten aufgrund enger persönlicher Verbindungen sogar auf Tagalog, der auf den Philippinen weit verbreitetsten Sprache, zeigen. (cb)

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