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Frischer Wind gegen alte Sprüche

Es gibt Aussagen gegenüber Frauen, die gehören leider immer noch nicht der Vergangenheit an. Kommentare wie „Den Geschirrspüler auszuräumen, ist ein Frauenjob“, oder „Dann klimperst du einfach mit den Wimpern, und schon klappt es“, sind in vielen Unternehmen weiterhin an der Tagesordnung. Damit diese bei ENERCON nicht zur Normalität gehören, hat das ENERCON Women’s Network ein umfangreiches Maßnahmenpaket geschnürt.

Fotos: Enercon

Rückblick: Anfang 2024 hat eine Gruppe von Mitarbeiterinnen des Windanlagenherstellers ENERCON ein neues globales Frauennetzwerk, das ENERCON Women’s Network, ins Leben gerufen. Nur knapp zwei Jahre später zählt die Gemeinschaft bereits rund 700 Mitglieder – sowohl Frauen als auch Männer. „Die Initiative ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der weiblichen Perspektive innerhalb des Unternehmens und zu mehr Diversität“, sagt Katharina Hirsch, Senior Manager Corporate Strategy bei ENERCON und eine der Sprecherinnen des Women’s Networks. „Wir sind überzeugt, dass die besten Ergebnisse im Sinne des Unternehmens entstehen, wenn unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen sich gegenseitig herausfordern“, führt sie weiter aus und betont, dass die Initiative von der Geschäftsführung und der Abteilung Human Resources (HR) voll unterstützt werde.

Das unterstreicht auch ENERCON-CEO Udo Bauer: „Die Menschen sind der Mittelpunkt unseres Unternehmens. Chancengleichheit unabhängig von Geschlecht, Alter, kulturellem Hintergrund, Behinderung oder Orientierung sollte selbstverständlich sein – sowohl aus ethischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht.“ Und Lea-Maria Sandker, Head of Global HR, ergänzt: „Im Rahmen der ENERCON-Nachhaltigkeitsstrategie arbeiten wir an mehreren Initiativen zur Förderung von Vielfalt und Chancengleichheit. Das Frauennetzwerk dient als wertvoller Sparringspartner und ermöglicht den Zugang zu weiblichen Perspektiven.“

Das Netzwerk arbeitet mit einer klaren Struktur. An der Spitze steht ein vierköpfiges Kernteam, das alle Aktivitäten im Zusammenspiel mit der Geschäftsführung und HR steuert. Darunter kümmern sich vier Arbeitsgruppen zu den Themenfeldern Antidiskriminierung und Inklusion, Karriereentwicklung, Networking und Events sowie Work-Life-Balance um konkrete Projekte und Aufgaben. Beide Ebenen stehen in ständigem Austausch untereinander und mit den Mitgliedern. „Unser Ziel ist es, eine sichtbare Gemeinschaft zu schaffen, die Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch ermöglicht und welche die Frauen bei uns stärkt“, erläutert Hirsch.

Ein Bild von einem Arbeitszimmer, das gleichzeitig ein halbes Kinderzimmer ist
In speziellen „Family Rooms“ können die Eltern bei ENERCON arbeiten während ihre Kinder spielen.

Zu den wichtigsten Aktivitäten des Netzwerks zählten im vergangenen Jahr zwei Veranstaltungen, die im Mai am Firmensitz in Aurich und im November in Lissabon stattfanden. Den insgesamt mehr als 90 Teilnehmenden bot sich dort ein Programm aus Workshops, Fachvorträgen, einem gemeinsamen Lunch und Key Notes von Udo Bauer, Heiko Juritz (COO) und Lea-Maria Sandker.

Besondere Aufmerksamkeit fand Ende 2025 eine Aufklärungskampagne zu diskriminierender Sprache am Arbeitsplatz, die mit einem digitalen Adventskalender verknüpft war. Aus diesem stammen auch die Zitate vom Textanfang. Begleitend zu ihnen lieferte das Netzwerk jeden Tag vom 1. bis 24. Dezember nicht nur spannende Hintergrundinformationen, sondern auch Empfehlungen, wie sich Frauen in solchen Situationen am besten verhalten können: zum Beispiel klare Grenzen setzen, Verantwortung einfordern oder das Fehlverhalten direkt ansprechen.

Dabei erinnert sich Hirsch an ein Gespräch mit einem männlichen Kollegen, der zu ihr im Zuge einer Stellenausschreibung sagte: „Für diese Besetzung brauchen wir einen starken Mann.“ „Er hatte keine bösen Hintergedanken“, so Hirsch und führt weiter aus: „Ich spreche solche Kommentare direkt freundlich und im besten Fall mit einer Prise Humor an, ohne einen Vorwurf zu machen.“ Im Falle des besagten Kollegen stellte Hirsch die Frage, ob eine starke Frau zu stark für diese Stelle sei. Meist erlebe sie dann, dass eine kurze Stille entstehe, verbunden mit einem Aha-Moment, aus dem sich ein spannendes, oft klärendes Gespräch ergebe. Dabei zeigt sich, was zahlreiche psychologische Studien belegen: Sprache beeinflusst unser Denken und unsere Entscheidungen, oft unbewusst. Begriffe und Formulierungen prägen, wie wir Rollen, Fähigkeiten und Möglichkeiten wahrnehmen – und damit auch, welche Realität wir gemeinsam schaffen.

Aus diesem Grund legt das Women’s Network Wert darauf, Männer noch besser mit einzubinden: „Wir verstehen uns als inklusives Netzwerk, das alle einlädt, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Es geht nicht um ‚Frauen gegen Männer‘ – im Gegenteil: Männer sind Teil unserer Arbeitswelt und in den meisten Fällen Unterstützer“, so Hirsch. „Aber sie nehmen die Herausforderungen, die Frauen im Alltag erleben, häufig anders wahr. Deshalb möchten wir zum einen Bewusstsein und Sensibilität schaffen und zum anderen ihre Perspektiven und Ideen bei der Umsetzung von Maßnahmen einbeziehen. Denn nur wenn wir gemeinsam an Veränderungen arbeiten, können wir eine nachhaltige Kultur schaffen.“

Auch über die Unternehmensgrenzen hinweg stellt sich das ENERCON Women’s Network auf. Seit vergangenem Jahr gehört es dem Netzwerk Women of New Energies (W.ONE) an. Im Rahmen dieser Kooperation coachen externe Mentoren die Mitarbeiterinnen von ENERCON. „Gemeinsam setzen wir uns für mehr Sichtbarkeit und Chancengleichheit von Frauen in der Erneuerbaren-Energien-Branche ein“, so Hirsch.

Beim Blick nach vorn haben ENERCON und das Women’s Network zudem quantitative Ziele im Visier: Im Rahmen der unternehmensweiten Nachhaltigkeitsstrategie hat sich der Vorstand das Ziel gesetzt, den Anteil weiblicher Führungskräfte bis 2030 auf 25 Prozent zu erhöhen. Bis dahin liegt noch etwas Arbeit vor dem Unternehmen: Die jetzige Quote liegt bei rund zwölf Prozent – bei einem Gesamtfrauenanteil im Unternehmen von circa 17 Prozent. Darüber hinaus wollen alle Beteiligten mit dem Rückenwind aus der gemeinsamen Zusammenarbeit die Weichen für nachhaltige strukturelle Veränderungen stellen, damit das Ziel nicht nur erreicht, sondern eine Kultur geschaffen wird, die Vielfalt dauerhaft stärkt. (bre)

Portrait Foto von Katharina Hirsch

„Nur gemeinsam können wir eine nachhaltige Kultur schaffen.“

Katharina Hirsch, Senior Manager Corporate Strategy
bei ENERCON