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„Hier bedeutet Quarantäne nicht nur eine freundliche Empfehlung“

Für Falk Schulte ist Singapur ein Hub mit einer einzigartigen Dichte an Akteuren rund um die Schifffahrt. Aus dem Stadtstaat in Südostasien berichtet der Experte von Harren & Partner über den Arbeitsalltag seit Corona, das Zukunftsthema Dekarbonisierung und seine berufliche Bestimmung.

Fotos: Harren & Partner

Seit Juni 2017 ist Falk Schulte für Harren & Partner (H&P) als Representative Asia/Pacific und Senior Technical Superintendant in Singapur tätig. Von seinem dortigen Büro aus steuert er nicht nur das technische Management der reedereieigenen Schiffe, sondern auch das von fremden Reedereien, die das Wohl ihrer Schiffe in die Hände von H&P gelegt haben. So betreut Schulte derzeit auch einige Bulkcarrier von Oldendorff Carriers. Das heißt, er kümmert sich mit Ausnahme des Crewings, um fast alles, was nötig ist, um die Ozeanriesen in Fahrt zu halten – von den Klassezertifikaten über die Ersatzteilversorgung bis hin zu regelmäßigen Services, zum Beispiel für die Sicherheitsausrüstung. Auch bei kleineren und größeren technischen Problemen an den Schiffen ist er zur Stelle. Dann hilft er entweder selbst mit Rat und Tat, oder er sorgt dafür, dass die richtigen Hersteller oder Spezialunternehmen die Angelegenheit schnell beheben, damit die Schiffe zeitnah wieder einsatzfähig sind. Seit gut 20 Monaten hat sich der Arbeitsalltag des 40-Jährigen jedoch erheblich verändert. „In den Jahren vor der Coronakrise lag das Verhältnis von Büro- zu Bordtätigkeiten bei rund 70 zu 30. Mit der Pandemie hat sich diese Relation deutlich zuungunsten der Bordtätigkeit verschoben“, berichtet Schulte. Zudem sei die Arbeit im Büro seit dem Ausbruch der Pandemie eher die Ausnahme als die Regel, da er inzwischen überwiegend aus dem Homeoffice heraus agiere. Denn in Singapur gilt die Regel, dass alle Tätigkeiten, die von zu Hause aus bearbeitet werden können, nach Möglichkeit auch dort erledigt werden. Parallel dazu ist Schultes Reisetätigkeit, zum Beispiel zu Inspektionen nach Malaysia, Thailand oder China, durch die Pandemie komplett zum Erliegen gekommen. „Das Reisen innerhalb Asiens ist nach wie vor hoch restriktiv, insbesondere die Rückreise nach Singapur ist fast immer mit einer 10- bis 14-tägigen Quarantäne verbunden. Und hier bedeutet Quarantäne nicht nur eine freundliche Empfehlung des Gesundheitsamts, sondern man verbringt die Zeit isoliert in einem Hotelzimmer, darf dieses nicht verlassen und bekommt nur dreimal am Tag Essen vor die Tür gestellt“, beschreibt Schulte die Situation. Insgesamt habe er in den vergangenen zwölf Monaten nach Geschäftsreisen mehr als sieben Wochen in Hotelquarantäne in Singapur verbracht. „Diese Quarantäne ist zwar nicht direkt Urlaub, aber auch kein ‚Knast‘. Denn Annehmlichkeiten wie Zimmerservice oder Ähnliches funktionierten auch in den Quarantänehotels wie gewohnt.“ Insgesamt habe er sich seit dem Ausbruch der Pandemie in Singapur deutlich sicherer gefühlt als bei seinen Kurzaufenthalten in Deutschland. Der Stadtstaat in Südostasien habe viele Maßnahmen frühzeitig ergriffen, diese dann gut organisiert und konsequent umgesetzt und so die Fallzahlen über weite Strecken der Pandemie sehr niedrig halten können.

„Das Reisen innerhalb Asiens ist nach wie vor hoch restriktiv, insbesondere die Rückreise nach Singapur ist fast immer mit einer 10- bis 14-tägigen Quarantäne verbunden.“

Falk Schulte, Represen-tative Asia/Pacific und Senior Technical Superintendant bei Harren & Partner

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Mit Spezialschiffen wie der „Svenja“ ist Harren & Partner weltweit im Einsatz. Falk Schulte (links) sorgt mit seiner Arbeit als Technical Superintendant dafür, die Ozeanriesen in Fahrt zu halten – seit 2017 von Singapur aus.

„Genau der richtige Schritt“

Auch aus beruflicher Sicht sei der Weg nach Singapur für ihn „genau der richtige Schritt gewesen“, nachdem er von 2008 bis 2017 bereits in Bremen als technischer Inspektor bei H&P tätig war. Dabei attestiert er seinem neuen Domizil den Status eines echten „Shipping Hubs“. Denn nirgends auf der Welt gäbe es eine vergleichbare Dichte an Schiffseignern, Finanzinstitutionen, Befrachtern, Maklern, Agenten, Werften und Reparaturbetrieben. Dann erläutert er: „Die wesent-lichen Vorteile meiner Präsenz am Standort Singapur liegen darin, dass ich schneller auf Probleme reagieren kann, die sich auf Schiffen in der östlichen Hemisphäre ereignen, und dass ich diese ohne längere Reisezeiten besuchen kann.“ So seien es von Singapur bis nach Nordchina oder Westaustralien zwar rund sechs Stunden Flugzeit, aber das bedeute mindestens einen Tag Zeitgewinn im Vergleich zu einer Anreise aus Deutschland. „Außerdem kommt man schneller in das besagte Netzwerk und die asiatische Firmenkultur hinein als aus Europa – zumindest war es vor Corona so“, sagt Schulte.

Langsamer fahren und Licht aus reicht nicht

Beim Blick nach vorn führt für ihn kein Weg am Thema Dekarbonisierung vorbei. „Das wird die technische Entwicklung der Schifffahrt in den nächsten 10 bis 20 Jahren vermutlich in einem ähnlichen Umfang beeinflussen wie seinerzeit die Umstellung von Segelschiffen auf Dampf- und später auf Motorschiffe“, ist er sich sicher. Dementsprechend deutlich stellt er fest: „Das von der IMO ausgegebene Ziel, die gesamten Treibhausgasemissionen aus der Schifffahrt bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent zu reduzieren, wird nicht zu erreichen sein, indem man Schiffe etwas langsamer fahren lässt und den Besatzungen beibringt, das Licht auszuschalten, wenn sie den Raum verlassen. Vielmehr werden grundlegende Technologiefortschritte notwendig sein, von denen der Einsatz von LNG wohl ein eher kleiner Schritt sein wird.“ Ob das Rennen am Ende dann von Wasserstoff oder Ammoniak als Hauptbrennstoff gemacht wird oder ob es zu einer Vielzahl von parallelen Lösungen für jeweils spezielle Einsatzgebiete kommen wird, ist seiner Meinung nach offen. „Spannend wird es für einen Ingenieur aber auf jeden Fall“, lautet seine Devise. Dass er Ingenieur wurde, habe sich übrigens schon frühzeitig abgezeichnet. „Als Kind wollte ich eigentlich Kapitän werden. Aber schon zu Schulzeiten nahm das Interesse an der Technik überhand, sodass ich nach dem Abitur und dem Wehrdienst bei der Marine ein Studium der Schiffsbetriebstechnik absolviert habe“, so Schulte. Nach einigen Jahren Fahrzeit als Schiffsingenieur auf Containerschiffen einer namhaften Hamburger Reederei verschlug es ihn 2008 an Land und als Inspektor zu H&P in Bremen – von wo aus es ihn 2017 nach Singapur zog. (bre)

Fakten

Harren & Partner

Hauptgeschäftsfelder: Schwerguttransporte und Engineeringlösungen, industrielle Logistikprojekte, Shipowning- und Shipmanagement-Dienstleistungen, Offshore- und Bergungsservices, Logistik für erneuer-bare Energien
Gründung: 1989
Unternehmenssitz: Bremen
Mitarbeiter: 3.170 (ca. 2.900 Seeleute, ca. 270 Angestellte an Land)
Flotte: 84 Einheiten – bestehend aus Schwergutschiffen, Bulkern, Tankern, Dockschiffen, Container-Feedern, Schleppern, Bargen und Offshore-Errichterschiffen

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