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Nicht durch die eigene kulturelle Brille schauen

Erst wer die eigene kulturelle Prägung ablegt, kann die fremde Kultur ohne Unschärfen klar erkennen.

Die Kultur in Estland, Lettland und Litauen mag sich ähneln, den Ländern ist jedoch ihre Eigenständigkeit sehr wichtig. Geschäftsreisende sollten daher am besten während ihres Aufenthalts auf den Sammelbegriff Baltikum verzichten.

Fotos: Montage:AdobeStock/nikitausm, Shutterstock/Gau Mon, olya/Freepik; trivero Kommunikation

 Bewusstsein für die eigene Prägung ist einer der Schlüssel für gelungene interkulturelle Begegnungen. Ein weiterer ist Wertschätzung für das Fremde. Was aber bedeutet das für die erste Geschäftsreise in die ehemaligen Sowjetstaaten Estland, Lettland und Litauen? „Behandle die Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest“, sagt Tobias Koch, der als Kommunikationswissenschaftler unter anderem einen Business-Knigge als Hörbuch für Estland, Lettland und Litauen herausgegeben hat. Das gilt natürlich grundsätzlich, hier aber in besonderer Weise: „Respekt ist in allen drei Ländern sehr wichtig, weil sie seinerzeit als Minianhängsel der Sowjetunion wenig Wertschätzung erfahren haben.“ Entsprechend groß war das Bedürfnis, sich von diesem übermächtigen Staat Ende der 1980er-Jahre zu lösen. Wie groß der Wille nach Unabhängigkeit und Freiheit war, zeigte die Menschenkette durch die damaligen Sowjet­republiken Estland, Lettland und Litauen am 23. August 1989, mit der zwei Millionen Balten für ihre Unabhängigkeit demonstrierten. Bis heute zeichnen sich die drei Kulturen durch ein hohes Maß an nationalem Bewusstsein und Heimatverbundenheit aus. Aber Achtung: „Vom Baltikum sollte nicht gesprochen werden“, hebt Koch hervor. „Die Menschen dort schätzen ihre nationale Identität sehr und haben sich über die Digitalisierung wirtschaftlich wie Schnellboote emanzipiert; alle drei Länder sind hier Musterknaben.“

Nicht gleich zu persönlich werden

Die Digitalisierung und insbesondere die unter vielen Jüngeren verankerte Start-up-Mentalität darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass zu viel Lockerheit nicht gut ankommt. In Estland beispielsweise ist bei persönlichen Themen zunächst Zurückhaltung geboten: „Familienthemen sind viel zu privat bei ersten Kontakten“, hebt Koch hervor. Besser sei es, sich mit unverfänglicheren Themen wie Sport – und da zum Beispiel dem dort populären Basketball – vorzutasten. „Auch die elektronische Abstimmung, das E-Voting, und die elektronische Steuer, die E-Tax, sind als Warm-up-Themen gut geeignet, da die Menschen darauf sehr stolz sind.“ Ein absoluter Fauxpas sei es hingegen, die Hauptstädte der drei Länder zu verwechseln: „Das wäre eine richtige Tretmine“, so der Experte. Besondere Fallstricke für Deutsche gebe es jedoch nicht: „Deutschland wird höher als Russland goutiert.“ Und ganz generell ist es hilfreich, Gemeinsamkeiten herauszustellen.

Auch Wirtschaftlich kooperieren die Länder nicht zuletzt deshalb, um politisch und kulturell unabhängig zu bleiben. Innerhalb der Staaten wird das Netzwerken ebenfalls großgeschrieben: „Jeder kennt jeden“, so Koch. Und das gilt nicht nur für Lettland als das kleinste der drei Länder. „Vor allem in Litauen ist die Personalpolitik durch Vitamin B geprägt; das ist sozusagen noch intergenerationell in der Kultur verankert, denn ohne Beziehungen war ein Überleben in der Sowjetunion nur schwer möglich.“ Insgesamt fühlen sich die Balten zwar zunächst als Esten, Letten und Litauer, sehen ihre Zukunft allerdings eher in Europa als in Russland.

Am besten auf Englisch kommunizieren

Dass nicht jeder Lettisch oder Litauisch spricht und insbesondere Estnisch, eine finno-ugrische Sprache, schwer zu lernen ist, ist den Balten natürlich bewusst. Deshalb wissen sie es umso mehr zu schätzen, wenn die Besucher ein paar Wörter in ihrer Sprache erlernen – perfekte Kenntnisse erwartet niemand. „Englisch wird fast überall fließend beherrscht und ist der beste gemeinsame Nenner“, so Koch. Einige, unter anderem Ältere, sprechen natürlich auch Russisch.

Unabhängig von der Sprache sind in Litauen auch Gespräche über Bier ein guter Anknüpfungspunkt. „Die ­Litauer lieben Bier, und es ist wirklich das Nationalgetränk schlechthin“, so Koch. Ein weiterer Türöffner sei es, sich vorab mit dem jeweiligen Land und seinen Besonderheiten zu beschäftigen. „Das Ziel sollte sein, eine Sache zu finden, die von dem jeweiligen Land oder Unternehmen wirklich gut und schneller und besser als vom Wettbewerber gemacht wird“, erläutert Koch. „Das kann ruhig eine Kleinigkeit sein und sollte natürlich authentisch rüberkommen, ohne zu übertreiben.“ Wenn dadurch transportiert wird, dass man verstanden hat, dass ein kleines Land agiler sein kann als ein großes, sind Sympathiepunkte ebenfalls wahrscheinlich.

Klarheit und Sachlichkeit kommen gut an

Ein ausgiebiger Small Talk ist jedoch in keinem der drei Länder erforderlich: „Man sollte zwar nicht mit der Tür ins Haus fallen, darf aber – ohne aufdringlich zu sein – klar formulieren, worum es geht, und das eigene Ziel konkret benennen.“ Anders als in Russland kommen Direktheit und ein Verhandeln in der Sache gut an. „Mit Integrität und ohne Geschwafel kann man hier punkten“, sagt Koch. „Das kommt der deutschen Mentalität und Arbeitswelt eigentlich sehr entgegen und ist eine gute Grundlage.“ Eine Besonderheit gibt es jedoch: „In Litauen sollte man wissen, dass ein Kompromiss als Schwäche ausgelegt werden kann“, so Koch. „Das stammt noch aus der Zeit der Parteikader, dass wer nachgibt, verliert.“

Kulinarisch zeigt sich wiederum die Nähe zu den nordischen Kulturen. „Die Küche ist eher skandinavisch geprägt“, berichtet Koch. Auch in Bezug auf die mythologischen Hintergründe, beispielsweise Weihnachten, gebe es mehr Nähe zu den Nordländern. Ebenso habe Wodka nicht die Bedeutung, die dem Getränk in Russland zukommt. Für Mitbringsel kommt es hier eher auf die Qualität als auf die Menge an. Aber letztlich sind Estland, Lettland und Litauen inzwischen eben wieder drei ganz eigenständige Kulturen. (cb)

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„Respekt ist in allen drei Ländern sehr wichtig.“

Tobias Koch ist gelernter Tischlergeselle und Leiter eine Kommunikationsagentur in München mit einem Magister in Kommunikationswissenschaft.

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