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Raus zum Wind

Ems Maritime Offshore gilt als deutscher Pionier für die Versetzung von Personen zu Offshore-Windanlagen. Für den Einsatz auf der Nord- und Ostsee betreibt das Unternehmen eine eigene Flotte von Serviceschiffen. Es übernimmt zudem die maritime Koordination auf hoher See, erbringt Hafendienstleistungen und bietet den Betreibern der Windparks Dienstleistungspakete an.

Der Offshore-Katamaran „Windea Four“ gehört zur Flotte von speziell angefertigten Offshore-Schiffen des Unternehmens Ems Maritime Offshore.

Fotos: Ems Maritime Offshore

Viele Unternehmen bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und Moderne. Wie man beides erfolgreich miteinander vereinen kann, zeigt die 1889 gegründete Aktien-Gesellschaft „Ems“: Denn nicht nur das Mutterunternehmen ist als Reederei im Fährverkehr etabliert, auch die 2010 gegründete Tochtergesellschaft Ems Maritime Offshore (EMO) hat sich mit ihrem Leistungsangebot rund um Windanlagen im Meer längst einen Namen gemacht.

All das hat allerdings klein begonnen. „2002 haben wir bei der AG Ems damit angefangen, uns mit Windkraftanlagen auf hoher See zu beschäftigen“, berichtet einer der EMO-Geschäftsführer, Marcel Diekmann. Zu Beginn war es eher ein theoretischer Austausch. Als dann Bewegung in die damals noch junge Branche kam, entschied man sich, eine kleine Abteilung zu gründen und zwei Schiffe zu kaufen – zwei ehemalige Rettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).

„Mit denen haben wir dann die Techniker für Tageseinsätze zum Aufbau von Windparks wie ‚Alpha Ventus‘ und ‚Bard Offshore 1‘ gefahren“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Eigene Standards für die als Crew Transfer Vessels (CTV) bezeichneten Schiffe gab es damals nicht. Die Rettungskreuzer waren jedoch sehr seegängig – eine wichtige Anforderung für den Einsatz auf hoher See. Ähnliches bieten auch umgebaute Fischtrawler, weshalb viele von ihnen ihr zweites Leben in der Öl- und Gasindustrie sowie bei der Kabel- und Pipelineverlegung auf hoher See als sogenannte Verkehrssicherungsschiffe verbrachten.

„Als der Markt wuchs, haben wir mit der ‚Osprey’, und der ‚Eagle’, als Nächstes mit einem niederländischen Partner zwei solcher Schiffe für ihren Einsatz in Offshore-Windparks umgebaut und in Dienst gestellt“, so Diekmann. Weil dieses Geschäft jedoch nichts mehr mit dem Fährverkehrsgeschäft der AG Ems zu tun hatte, wurde dann Ems Maritime Offshore mit zunächst drei Mitarbeitern gegründet, zu denen schnell weitere hinzukamen.

Was sich anfangs gut entwickelte, wurde in der Folge durch die damalige Bundesregierung und konkret Umweltminister Peter Altmaier (CDU) ausgebremst, als die Förderung nach dem damals geltenden EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) zusammengestrichen wurde. „Seit der Gründung hatten wir bis dahin unsere Flotte auf sechs CTVs und drei Verkehrssicherungsschiffe ausgebaut“, erinnert sich Co-Geschäftsführer Jan Heyenga. „Aufgrund des eingebrochenen Marktes und sich verändernder Schiffsdesigns haben wir uns schließlich dazu entschieden, fünf Schiffe abzugeben.“

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Marcel Diekmann,<br />
Geschäftsführer bei<br />
Ems Maritime Offshore
Marcel Diekmann, Geschäftsführer
bei Ems Maritime Offshore
Zum Leistungsportfolio von EMO zählt auch die maritime Koordinierung. Die dazugehörige Steuerung der logistischen Prozesse und die maritime Seeraumbeobachtung erfolgen durch die hauseigene Leitstelle „Ventusmarine“.

Ehrgeizige Ausbauziele erhöhen auch Bedarf an Serviceschiffen

Diese Zeit ist längst Geschichte, denn spätestens mit dem Inkrafttreten des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG)im Januar dieses Jahres sind die bundesdeutschen Ausbauziele schwarz auf weiß festgeschrieben: Bis zum Jahr 2030 soll die installierte Leistung von Offshore-Windenergie auf mindestens 30, bis 2035 auf mindestens 40 und bis 2045 auf mindestens 70 Gigawatt steigen. Entsprechend klar ist der steigende Bedarf an CTVs.

Auch in technischer Hinsicht bedeutet dies eine neue Ära, die bei EMO vor sechs Monaten eingeläutet wurde, als das Unternehmen mit der „Windea One“ sein erstes CTV mit Hybridantrieb taufte. Die Besonderheit: Mithilfe eines Energiespeichers (Energy Storage System, kurz ESS) können etwa 20 Prozent des Energiebedarfs gedeckt werden. Das Antriebssystem besteht aus vier Antriebssträngen, die dieselmechanisch, dieselelektrisch und ESS-elektrisch mit Permanentmagnetmotoren (PME) betrieben werden. Durch mögliche Offshore-Ladestationen in den Windparks könnten zukünftig bis zu 80 Prozent der benötigten Energie über den hybriden Antrieb bereitgestellt werden.

Neben der „Windea One“ ist das Unternehmen gegenwärtig mit drei weiteren eigenen CTVs – der „Windea Three“, der „Windea Four“ und der „Windea Six“ – sowie mehreren gecharterten Schiffen auf dem wachsenden Markt unterwegs. Dass die Marktbegleiter vor allem aus Norwegen, Dänemark und Großbritannien stammen, birgt ganz eigene Herausforderungen: „Die Qualitäts- und Sicherheitsstandards variieren international, wobei wir stolz darauf sind, für unsere unter deutscher Flagge fahrenden Schiffe besonders hohe Anforderungen zu erfüllen, die in einigen anderen europäischen Regionen, einschließlich Großbritannien, unterschiedlich sein können“, erläutert Diekmann.

Anspruchsvoll ist der Markt in dieser Boomphase aber auch in anderer Hinsicht: „Derzeit sind die Entwicklungsschritte in der technischen Antriebstechnologie kürzer als die Amortisierungszeit der Schiffe“, erläutert Diekmann. Und obwohl der Geschäftsführer die Batterietechnologie als Eckpfeiler für den Hauptantrieb von CTVs grundsätzlich für geeignet hält, ist deren Gewicht bei der erforderlichen Leistung noch zu hoch. EMO wartet deshalb hinsichtlich weiterer Investitionen ab. „Mit den neuen Ausschreibungen der Windparkbetreiber geht es aber auch jetzt erst los“, so Diekmann

Fakten

EMS Maritime Offshore

Gründung: 2010
Geschäftsfelder: maritime Services,
Port & Logistics Services und
Technical & Engineering Services
Firmensitz: Emden
Niederlassungen: Eemshaven und Mukran
Assets: 4 eigene CTVs, Gebäude und
Lagerflächen in diversen Häfen
Mitarbeiter: 90, davon 33 Seeleute

Die im Juni 2023 getaufte „Windea one“ ist 31,80 Meter lang und zehn Meter breit, sie hat einen Tiefgang von 1,80 Metern. Das CTV kann bis zu sechs Stunden rein elektrisch betrieben werden. Die Besatzung besteht aus drei Crewmitgliedern, und es können bis zu 24 Servicemitarbeiter zu den Offshore-Anlagen befördert werden.

Das Schiffsdesign muss zum jeweiligen Einsatz passen

Die internationale Expansion in neue Märkte wie die Atlantik- und die Westküste der USA, wo Windkraftanlagen wegen großer Wassertiefen vielfach erst durch die künftig schwimmenden Fundamente möglich sein werden, ist ebenfalls ziemlich komplex: Die EMO-Flotte ist für den Einsatz in den bestehenden Hochseewindparks in Nord- und Ostsee und vor allem für die Betriebsphase optimiert. „Je nach den Bedingungen, wie der Wellenlänge, benötigt man gegebenenfalls CTVs mit anderem Design“, so Heyenga.

Auch deshalb könnten in Deutschland zu den älteren und näher an der Küste gelegenen Windparks die kleineren und älteren Schiffe fahren – die moderneren, größeren und wetterfesteren hingegen zu den neueren Anlagen weiter draußen im Meer. Zudem hat sich die Logistik verändert: So sind moderne CTVs, die auch bei höheren Wellen einen sicheren Personenversatz zur Windkraftanlage durchführen können, heutzutage rund um die Uhr in den Offshore-Windparks im Einsatz, was wiederum andere Anforderungen an das Schiffsdesign und die Antriebstechnologie stellt.

Neben der Geschäftstätigkeit einer zertifizierten Reederei im Schiffsmanagement von eigenen und gecharterten CTVs bietet EMO die maritime Koordination für Windparks von „Trianel“ und „Iberdrola“ an. Ähnlich einer Verkehrszentrale kümmern sich hier die Mitarbeiter unter anderem mithilfe von AIS (Automatic Identification System)- und Radardaten sowie Kamerabildern um die Seeraumbeobachtung. Das dritte Standbein sind umfangreiche Hafendienstleistungen in verschiedenen Servicehäfen in der Nähe von Windparkclustern. Dazu gehören die Bereitstellung von Büro-, Lager- und Außenlagerkapazitäten sowie von Stell- und Liegeplätzen für Serviceschiffe, ebenso Agenturleistungen, beispielsweise für GE Renewable Energy und Siemens in Eemshaven. Dort betreibt EMO auch einen Helikopter- und Drohnenport.

Da die Energie der Zukunft in großen Teilen auf See erzeugt werden wird, will EMO maßgeschneiderte Servicelösungen künftig auch im Paket anbieten und an der Schnittstelle zwischen Windpark, Reederei und Hafen die komplette Logistik koordinieren. Nicht nur in Hinsicht blicken die Geschäftsführer optimistisch in die Zukunft. Heyenga: „Die Aussichten sind glänzend.“ (cb)

Jan Heyenga, Geschäftsführer bei Ems Maritime Offshore
Jan Heyenga, Geschäftsführer
bei Ems Maritime Offshore

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