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„Small talk is big talk“

Die Devise „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ soll ja manchmal hilfreich sein. Beim Businesstalk in Südafrika hat allerdings derjenige bessere Karten, der nicht auf den Mund gefallen ist und durch kommunikatives Talent eine persönliche Verbindung zu seinem Gegenüber herstellen kann.

Fotos: Shutterstock, Vera Kuenzer (3)

Vera Kuenzer hat drei Jahre in Südafrika gelebt. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie von Bremen aus als Trainerin für interkulturelle Kompetenz und bereitet unter anderem Fach- und Führungskräfte von inter­nationalen Unternehmen auf längere Aufenthalte am Kap vor. Parallel dazu ist sie beim Zentrum für Interkulturelles Management und Diversity (ZIM) der Hochschule Bremen als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Bereiche Flucht und Migration verantwortlich.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung mit entsandten Fachkräften und Geschäftsreisenden aus Deutschland nach Südafrika weiß sie, dass sich auch dort Logistikexperten in kommunikative Einbahnstraßen manövrieren können und dass so mancher Kenner der maritimen Branche durchaus Unterstützung benötigt, um im geschäftlichen Miteinander entsprechende Fettnäpfchen zu umschiffen.

„In Südafrika sagt man: ‚Small talk is big talk‘“, so Kuenzer. „Das heißt, dort schätzt man es, im Gegensatz zu unserer eher sachbezogenen Kommunikation im Beruf auch auf Geschäftsebene eine persönliche Verbindung herzustellen. Dazu gehört es zum Beispiel, sich Zeit fürs Kennenlernen zu nehmen und sich die Namen der Geschäftspartner gut einzuprägen.“ Auch ehrlich gemeinte, positive Aussagen über das Land und seine Menschen wissen die Südafrikaner zu schätzen. Gern geben sie dem Neuankömmling gute Tipps zur besseren Orientierung mit auf den Weg. Vor allem Männer können mit einem gut informierten Kommentar zu sportlichen Ereignissen punkten, denn Südafrika ist eine sportbegeisterte Nation. Weniger zielführend sei es hingegen, vorschnell und nur aus Neugierde, über das Thema Apartheid­ zu sprechen. „Dabei können sich manche Gesprächspartner schnell angegriffen fühlen, wenn sich noch kein Vertrauensverhältnis entwickelt hat“, so Kuenzer.

Immer authentisch bleiben

Auch wer Humor hat, kann beim Businesstalk Pluspunkte sammeln. Vor allem wenn er in der Lage ist, diesen bei Reden, die die Südafrikaner lieben, zum Ausdruck zu bringen. „Hier gilt ebenfalls: Fachliche und sachliche Inhalte kommen nur halb so gut an wie Sachverhalte, die für positive Stimmung sorgen. Aber bitte authentisch bleiben und Fingerspitzen­gefühl beweisen“, so die Trainerin. Dünn wird das Eis hingegen, wenn man die dortigen Arbeitsabläufe infrage stellt oder sie vorschnell verändern möchte. „Auch dabei ist die direkte deutsche Art nicht immer die beste. Insbesondere weil sich die Menschen vor Ort auch schon ihre Gedanken dazu gemacht haben“, erläutert Kuenzer. Sollte man aber nach einer Zeit des Kennenlernens zu dem Schluss kommen, dass Neuerungen dennoch unumgänglich sind, so sei es hilfreich, im Wir-Modus und nicht im Ich-Modus zu sprechen – getreu dem Motto „Wir können zusammen etwas erreichen“. Wohlberaten ist auch derjenige, der darum weiß, dass auf dem Nachbarkontinent Kritik keinesfalls so offen geäußert wird wie bei uns. Wer all das beherzigt, darf sich dann freuen, wenn er zum gemeinsamen Essen ins Restaurant, zu einem Sportevent oder in die Kirche eingeladen wird. Eine ­Einladung nach Hause ist nicht überall selbstverständlich, da die Südafrikaner auch 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch in sehr unterschiedlichen Lebenswelten zu Hause sind.

„Fachliche Inhalte kommen besser an, wenn sie positiv und mit Humor ­präsentiert werden.“

Vera Kuenzer, Trainerin für interkulturelle ­Projekte und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Interkulturelles Management und Diversity (ZIM)

Zwei deutsche Auto­mobilhersteller produzieren in der Provinz Ostkap mit ihrer wunderschönen Wild Küste. Dabei gehört auch die Lackinspektion, hier bei Mercedes-Benz South Africa in East London, mit zum Leistungsportfolio.

Verlorene Zeit gibt es nicht

Sowohl für geschäftliche als auch für private Termine hat Kuenzer einen besonders guten Rat. Dieser lautet: „Transfer lost time into talking time.“ Damit ist gemeint, dass manche Südafrikaner ihre Gäste auch gern mal länger als die akademische Viertelstunde warten lassen und dass es sich dann anbietet, eben nicht verärgert oder beleidigt herumzusitzen. Vielmehr sollte die Zeit genutzt werden, um zum Beispiel mit Personen im direkten Umfeld locker über dies und das zu sprechen. Allerdings kommt es im Geschäftsleben deutlich seltener zu längeren Wartezeiten als im Privatleben, wo das Zeitverständnis manchmal ein ganz anderes ist und man eher das Smartphone in die Hand nehmen und nachfragen sollte, als sich zu ärgern“, weiß Kuenzer zu berichten.

Großen Anklang findet in Südafrika – wie überall – das deutsche Sprichwort „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“. „Wenn die Geschäftspartner Kinder haben, so erfreuen sich vor allem Gummibärchen und Schokolade großer Beliebtheit. Allerdings nur, wenn Letztere auf dem Weg nicht schon geschmolzen ist“, gibt Kuenzer mit einem Augenzwinkern zu bedenken. Aber auch Fußballdevotionalien, egal ob aus Bremen oder Wolfsburg, werden nach ihrer Ansicht rund um das Kap gern als Geschenke entgegengenommen. „All das sind jedoch nur kleine Tipps für einen erfolgreichen Aufenthalt in Südafrika. Sie ersetzen keinesfalls eine umfangreichere interkulturelle Vorbereitung, die vor ­einem längeren beruflichen Aufenthalt dort dringend erfolgen sollte“, gibt Kuenzer zu bedenken. Sie selbst ist von Südafrika begeistert und weiß, wo sie sicher unterwegs ist. „Südafrika ist trotz aller Probleme ein tolles Land mit einer modernen Verfassung und einer wachen Zivilgesellschaft – und für Reisende nicht gefährlicher als viele andere Länder. Der beste Schutz ist und bleibt aber, mit Südafrikanern unterwegs zu sein“, gibt sie als abschließende Marschroute aus. (bre)

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