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Unter orange­farbener Flagge

Die Unternehmensfarbe von Gebrüder Weiss ist seit den 30er Jahren Orange.

Mit der Übernahme von Ipsen Logistics hat sich das internationale Speditions- und Logistikunternehmen Gebrüder Weiss in Deutschland neu aufgestellt. Eine besondere Bedeutung für das Seefrachtgeschäft kommt dabei auch künftig den Standorten in Bremen und Bremerhaven zu.

Fotos: Gebrüder Weiss, Katja Thiele Photography

Ebenso wie ein privater Umzug bringt der Wechsel unter ein neues Firmendach einige Veränderungen mit sich. Nichts anderes gilt für die Übernahme weiter Teile des operativen Geschäfts von Ipsen Logistics aus Bremen. „Neu“ ist in diesem Fall allerdings im übertragenen Sinne zu verstehen. Schließlich gilt die Firma Gebrüder Weiss aus Österreich, die erstmals vor 500 Jahren urkundlich erwähnt wurde, als das älteste Speditionsunternehmen der Welt.

Seit Oktober vergangenen Jahres firmieren acht deutsche Standorte mit 280 Mitarbeitern in Bremen, Bremerhaven, Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Stuttgart und München unter dem Namen Gebrüder Weiss. Wirklich überraschend ist die Expansion des Vorarlberger Konzerns mit den Hauptgeschäftsfeldern Landtransport, Luft- und Seefracht sowie einer Reihe von hoch spezialisierten Branchenlösungen mit entsprechenden Tochtergesellschaften nicht: „Die Übernahme von Ipsen Logistics folgt einer längerfristigen Strategie für unseren Geschäftsbereich Air & Sea“, erläutert Johannes Trautmann, Air & Sea Country Manager Deutschland.

Deutschland sei ein wichtiger Entscheidermarkt in Europa, vor allem für Asien, hier speziell China, und für Nordamerika, dort insbesondere die USA. Im Vergleich zu dieser Bedeutung sei die Organisation vor dem Zusammenschluss mit ihren fünf deutschen Standorten mit 100 Mitarbeitern in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München nicht groß genug gewesen, um genug Volumen zu generieren.

Mitarbeiter und Sendungen verdreifacht

Als dem Team von Gebrüder Weiss Ipsen Logistics vorgestellt wurde, sei relativ schnell klar gewesen, dass der weltweit tätige Mittelständler mit seinen Lösungen für Logistik und Distribution der See-, Luft- und Bahnfracht gut passen könnte. „Nach der Due Dilligence wurde bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 mit den Gesprächen begonnen“, berichtet der Country Manager. Dann ging es schnell: Ende Juli erfolgte der Kauf, und die Kartellbehörden gaben im Oktober grünes Licht für die Übernahme. „Wir haben seitdem die Mitarbeiter und die Sendungen verdreifacht“, freut sich Trautmann.

Nachdem die Tinte unter dem Kaufvertrag getrocknet war, ging es um den mindestens genauso wichtigen zweiten Part einer solchen Transaktion: die Integration. Dabei galt es, viele Hürden zu nehmen und noch mehr Fehler zu vermeiden. „Gleich am Tag der offiziellen Verkündung hat das Management auch die Mitarbeiter informiert“, berichtet der Country Manager. „Wir sind sofort in die Niederlassungen gefahren und haben mit der Integration der Mitarbeiter begonnen.“ Dabei hatte der Käufer einen enormen Vorteil: Die beiden vormaligen Geschäftsführer Peer Oldenburger und Dirk Eller sind beide nach wie vor mit an Bord, was auch eine entsprechende Signalwirkung für die Mitarbeiter hatte.

„Die Stabsstellen sind weiterhin in Bremen, unserem zweit-größten Standort, auch wenn wir in Deutschland sehr dezentral aufgestellt sind.“

Johannes Trautmann, Air & Sea Country Manager Deutschland bei Gebrüder Weiss

Ähnliches Verständnis von Kundenbetreuung

Um die Integration fachlich wie personell optimal zu begleiten, wurde ein internes Integrationsteam gebildet, das sich vor allem um die Kommunikation, das Marketing und den Verkauf kümmert. „Gerade in Pandemiezeiten ist es wichtig, sehr offen und proaktiv zu kommunizieren, dass wir die Mitarbeiter brauchen und der Grund für den Kauf eine Wachstumsstrategie ist“, hebt Trautmann hervor. Schnell habe sich zudem herausgestellt, dass es in beiden Unternehmenskulturen ein sehr ähnliches Verständnis gibt, wie mit Kunden umgegangen wird. „Den Mitarbeitern von Gebrüder Weiss ist es sehr wichtig, sich Zeit zu nehmen und die Kunden gut und intensiv zu betreuen. Das entsprach auch dem üblichen Servicegedanken der Beschäftigten bei Ipsen.“

Eine Herausforderung seien der Austausch nicht nur der kompletten IT-Infrastruktur, sondern zudem die Einführung eines neuen Transportmanagementsystems (TMS) innerhalb von nur eineinhalb Monaten gewesen. „Wir haben dafür von der Zentrale in Österreich große Unterstützung bekommen, aber trotzdem war es nicht einfach, alle Schulungen per Video durchzuführen“, so Trautmann.

Bremen hat zentrale Funktion

Nach wie vor hat das Büro an der Weser eine besondere Bedeutung: „Die Stabsstellen sind weiterhin in Bremen, unserem zweitgrößten Standort, auch wenn wir in Deutschland sehr dezentral aufgestellt sind“, betont Trautmann. Entsprechend ist auch der Country Manager, sofern es die Pandemie zulässt, einmal pro Woche in Bremen. „Wir haben viel Know-how, insbesondere im Segment Schwertransporte, dazubekommen, das wir vorher in Deutschland nicht hatten.“ Damit alle Standorte davon profitieren, gibt es nun ein Expertenteam mit vier Mitarbeitern und eine nationale Stabsstelle High and Heavy.

„Unser Ziel ist die Volumensteigerung in einzelnen Frachtbereichen, und wir möchten Skaleneffekte im Einkauf und der Produktauswahl nutzen. Ipsen war Mitglied in mehreren Einkaufsgemeinschaften – das haben wir quasi mitgekauft“, sagt Trautmann. Der Wachstumskurs in Deutschland werde also organisch fortgesetzt. Noch gehe es jedoch darum, die Unternehmenskultur von Gebrüder Weiss zu vermitteln. „Das ist über die App Microsoft Teams und E-Mail aber nur schwer möglich“, bedauert der Country Manager. „Wir sind bei Gebrüder Weiss bekannt für das persönliche Netzwerken und die engen Kontakte, aber das können wir derzeit nur partiell präsentieren.“ Mit der „Orange Hour“, einer regelmäßig stattfindenden Videokonferenz mit allen Air-&-Sea-Mitarbeiter in Deutschland, werde versucht, das abzufangen. „Doch eigentlich hätten wir gern eine Sommerfeier veranstaltet und im Winter eine Kohltour in Bremen.“ Zum Glück seien die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Ländern nicht allzu groß. Eine wichtige Veränderung gab es allerdings: Unter dem neuen alten Dach wird sich jetzt geduzt. (cb)

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