„Watt mutt, datt mutt!“
Wer vorankommen möchte – das besagt diese plattdeutsche Lebensweisheit – muss gewisse Aufgaben ohne großes Klagen angehen. Das gilt auch für die Weiterentwicklung der Infra- und Suprastruktur in den norddeutschen Häfen. Selbst wenn oftmals noch unklar ist, aus welchen Quellen die dafür erforderlichen Gelder fließen werden und wie schnell die Umsetzung erfolgen kann, so packt die hiesige Hafenwirtschaft kräftig an.
Darüber hinaus liegt es für Prümm auf der Hand, dass die Häfen die bevorstehenden Investitionen in ihre Infrastruktur nur im Zusammenspiel von öffentlicher Hand mit der privaten Hafenwirtschaft erfolgreich realisieren können. „Terminals und Ausrüstung müssen auf niedrige Emissionen, digitale Sicherheit und Dual Use ausgerichtet werden. Um Strukturreformen kommen wir nicht herum. Das ist eine nationale Aufgabe. Also steht der Bund mit in der Verantwortung“, sagt Prümm. Dessen Aufgabe sei es, die Finanzierung der Hafeninfrastruktur auf eine neue, tragfähige Grundlage zu stellen, die sowohl für die Binnenhäfen als auch für die Seehäfen Gültigkeit besitze.
Mit Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen sagt Prümm: „Das aktuell geplante Infrastruktur-Zukunftsgesetz ist ein guter Schritt. Allerdings gibt es auch hier Nachbesserungsbedarf. Um wichtigen Infrastrukturprojekten im Genehmigungsverfahren mehr Gewicht zu verleihen, legt der Bund gesetzlich das überragende öffentliche Interesse solcher Vorhaben fest. In diese Kategorie müssen künftig auch die Häfen fallen.“ Zudem sei es unabdingbar, dass auf nationaler Ebene die aus seiner Sicht längst überfällige Reform der Einfuhrumsatzsteuer – Stichwort Verrechnungsmodell – in Angriff genommen werde. Vergleichbaren Handlungsbedarf sieht Prümm auch auf EU-Ebene. Dort müsse das Beihilferecht für die Häfen an die neuen Investitionserfordernisse angepasst werden, und es gelte, die Einnahmen aus dem Emissionshandel im Seeverkehr für Klimaschutzinvestitionen in den Sektor zurückzuführen. Insgesamt resümiert Prümm: „Die EU-Hafenstrategie geht detailliert auf die Sicherheitslage und den Schutz der Häfen ein. Hier müssen Zuständigkeiten und Finanzierung von Gefahrenabwehr dringend geklärt werden. Außerdem sollte die EU-Hafenstrategie mehr Augenmerk auf den Abbau regulatorischer Hürden und auf schnellere Genehmigungsverfahren legen sowie die Wasserrahmenrichtlinie überarbeiten“, lautet seine Empfehlung.
Aktive Weichenstellung für die Zukunft
Unabhängig davon, dass neben Prümm auch zahlreiche Experten in den Häfen die zu langen Genehmigungs- und Planungsverfahren in Deutschland beklagen, hat man in Bremen und Niedersachsen längst damit begonnen, die Infra- und Suprastruktur der hiesigen Häfen an die neuen Herausforderungen anzupassen. Denn den Verantwortlichen ist bewusst, dass sich neue Unternehmen nur dort ansiedeln, wo sie die besten Standortfaktoren finden, und dass alteingesessene Branchen nur weiterinvestieren, wenn ihnen die notwendigen Rahmenbedingungen für reibungslose Import- und Exportaktivitäten geboten werden. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf sind zahlreiche Projekte angestoßen worden (siehe Karte Seite 6), von denen wir einige nachfolgend kurz vorstellen:
So fiel im Oktober 2025 mit dem Beginn eines Teilnahmeverfahrens in Bremerhaven der Startschuss für die Erneuerung der Containerkajen CT 1 bis CT 3a. In mehreren Bauabschnitten soll die Kajen-struktur auf drei Kilometern Länge saniert und mit modernem Umschlagsgerät ausgestattet werden. Dabei soll die zukünftige Entwicklung der Schiffsgrößen berücksichtigt werden, sodass Mitte bis Ende der 2030er-Jahre auch modernste Containerschiffe mit über 26.000 TEU dort abgefertigt werden können. „Mit der Erneuerung der Kaje wird die Wettbewerbsfähigkeit Bremerhavens als Containerhafen langfristig gesichert“, sagt Christian Pabst, Leitung Bau bei bremenports, und erläutert: „Aufgrund der Salzbelastungen ist der Beton unter Wasser an vielen Stellen so stark angegriffen, dass Handlungsbedarf besteht. Das werden wir nun beheben und die 60 Jahre alten Anlagen gleichzeitig auf den neuesten Stand der Entwicklung bringen.“
„Um Strukturreformen kommen
wir nicht herum.“
Dr. Pierre Dominique Prümm,
Präsidiumsvorsitzender des
Deutschen Verkehrsforums (DVF)
Das belegen auch der Ausbau und die Modernisierung des Hafenbahnhofs Speckenbüttel, wofür erst vor wenigen Wochen in Bremerhaven der erste Spatenstich erfolgte. Rund 56 Millionen Euro fließen dort in zusätzliche Gleiskapazitäten, in moderne Leit- und Sicherungstechnik sowie in die Digitalisierung der Anlagen. Unter anderem entsteht mit der sogenannten 20er-Gruppe eine neue Vorstellanlage mit sieben zusätzlichen, jeweils rund 740 Meter zuglangen Gleisen, die künftig für die Abfertigung von Container-, Automobil- und Militärtransporten genutzt werden. Die neuen Gleise sollen vollständig elektrifiziert und mit modernen Bremsprobeanlagen, Weichenheizungen und zeitgemäßer Beleuchtung ausgestattet werden. Parallel dazu wird die bestehende Infrastruktur umfassend digitalisiert, indem man die Leit- und Sicherungstechnik in ein digitales Stellwerk integriert. „In Bremerhaven liegt der Anteil der Schiene am Hinterlandverkehr bei über 50 Prozent. Das ist in Europa einzigartig“, erläutert Henry Behrends, Geschäftsbereichsleiter für Hafenbetrieb bei bremenports, und ergänzt: „In Speckenbüttel schaffen wir nicht nur mehr Kapazitäten, sondern wir stärken auch den Schienengüterverkehr nachhaltig, um den Hafen noch leistungsfähiger an das Hinterland anzubinden.“
Rückgrat der deutschen Energiewende
Auch in Niedersachsen sind an zahlreichen Orten Bagger und schweres Gerät im Einsatz. Ein zentrales Infrastrukturprojekt der Hafengesellschaft NPorts ist der Ausbau des Offshore-Hafens Cuxhaven zum zentralen deutschen Energiehub. Bei dem rund 300 Millionen Euro teuren Projekt werden bis Ende 2028 drei neue Schwerlastliegeplätze (Liegeplätze 5 bis 7) ausgebaut, sodass die Lücke zwischen dem Europakai und den Offshore-Terminals geschlossen wird. Dazu Inke Onnen-Lübben, Geschäftsführerin von Seaports of Niedersachsen: „Cuxhaven hat sich seit Anfang der 2000er-Jahre als Hafenstandort absolut positiv entwickelt, auch indem man früh den besonderen Bedarf der Windenergiebranche erkannt und sich mit passenden Logistikangeboten aufgestellt hat. Durch fortlaufende Investitionen in die Infra- und Suprastrukturen sowie Ansiedlungen, beispielsweise von Siemens Gamesa, aber auch anderer Lieferanten und Dienstleister, gilt Cuxhaven heute als das Deutsche Offshore-Industrie-Zentrum.“ Mit dem weiteren Ausbau des dortigen Offshore-Hafens und rund 38 Hektar zusätzlicher Umschlags- und Lagerfläche durch NPorts trägt der Standort aus ihrer Sicht maßgeblich zur Umsetzung der Energiewende in Deutschland bei. Sie betont: „Auch der Bund hat bei diesem Projekt erkannt, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn er sich an den Investitionen beteiligt und so das Land Niedersachsen und die private Wirtschaft mit der Finanzierung nicht allein lässt.“
Last but not least erfolgte mit dem Projekt „Value Port Papenburg“ in den vergangenen zweieinhalb Jahren der Ausbau des Nordhafens zu einem modernen Industrie- und Logistikstandort – durch die Stadt Papenburg, gefördert durch das Land Niedersachsen und den Landkreis Emsland. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde der Hafen um rund 9.500 Quadratmeter erweitert und auf eine Wassertiefe von sechs Metern ausgebaggert. Zudem entstand eine neue Spundwand mit einer Länge von etwa 800 Metern. „Der Ausgangspunkt für dieses Projekt war die hohe Nachfrage nach Gewerbe- und Industrieflächen sowie der Erweiterungsbedarf ansässiger Unternehmen“, erläutert Onnen-Lübben. Inzwischen habe man mit der erfolgreichen Umsetzung vor Ort wichtige infrastrukturelle Voraussetzungen für Wachstum, Innovation und neue Ansiedlungen geschaffen und gleichzeitig die Entwicklung des Standorts im Bereich Kreislaufwirtschaft und Wertstoffverarbeitung vorangetrieben. Das Projekt sei aber noch nicht abgeschlossen. „Ergänzend sind zusätzliche Industrie- und Hafenflächen im Bereich Bokeler Bogen geplant, die einige Hektar Industriefläche für Unternehmensansiedlungen schaffen und die Attraktivität des Standorts Papenburg weiter erhöhen werden“, so Onnen-Lübben.
„Bremen tut bereits viel
für die Verbesserung der
hafenbezogenen Infrastruktur.“
Christian Pabst, Leitung Bau
bei bremenports
„In Bremerhaven liegt der Anteil
der Schiene am Hinterlandverkehr
bei über 50 Prozent.“
Henry Behrends, Geschäftsbereichsleiter
für Hafenbetrieb bei bremenports
„Der Ausgangspunkt war die
hohe Nachfrage nach Gewerbe-
und Industrieflächen.“
Inke Onnen-Lübben, Geschäftsführerin
von Seaports of Niedersachsen
„Resilienz entsteht nicht im Silo“
Abgelöst von konkreten Standorten und Projekten blickt Olaf Gelhausen, COO bei der Hafen- und Terminalbetriebsgesellschaft APM Terminals, die zur dänischen Reederei- und Logistikgruppe Maersk gehört, auf die Bedeutung und Resilienz von Hafeninfrastrukturen. Diese sind aus seiner Sicht entscheidend für die globale Versorgungssicherheit, weshalb man die „Terminals der Zukunft“ auch nicht isoliert denken dürfe. Er sagt: „Ein Hafen ist nur so stark wie das System, in das er eingebettet ist. Deshalb müssen Terminaldesign, Hinterlandanbindung, Energieversorgung und nautische Infrastruktur gemeinsam betrachtet werden.“ Für ihn steht fest: „Resilienz entsteht nicht im Silo, sondern im Zusammenspiel. Das bedeutet auch, dass wir eng mit lokalen Regierungen und Hafenbehörden zusammenarbeiten müssen, damit Investitionen in Schiene, Straßenzugang, Energieversorgung, Landstrom, Netzausbau oder notwendige Fahrrinnenanpassungen rechtzeitig erfolgen.“
Die vorhandenen Strukturen in den Häfen, aber auch die jenseits der Kaikanten, betrachtet Gelhausen in diesem Kontext nicht als Zufallsprodukt und erklärt: „Die Handelsrouten, auf denen die Weltwirtschaft heute beruht, sind nicht über Nacht entstanden. Sie wurden über Jahrzehnte aufgebaut, verdichtet und optimiert.“ Mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen führt er weiter aus: „Genauso wird auch ihre Neuordnung kein kurzfristiger Bruch sein, sondern ein tiefgreifender Wandel über viele Jahre.“ Aus seiner Sicht würden sich jedoch schon jetzt viele Unternehmen auf die neue Realität einstellen: „Sie überprüfen, wo sie produzieren, wo sie einkaufen und wie sie ihre Lieferketten widerstandsfähiger aufstellen können.“ In dieser Phase brauche es nach Meinung des Managers vor allem Partner, die beides können: kurzfristig entschlossen handeln und zugleich langfristig in moderne, leistungsfähige und kritische Infra-struktur investieren.
„Ein Hafen ist nur so stark wie das System, in das er eingebettet ist.“
Olaf Gelhausen, COO APM Terminals







