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Achtung, Ähnlichkeitsfalle!

Sie sind unsere direkten Nachbarn, und sie sprechen fast die gleiche Sprache wie wir. Doch wer glaubt, deutsche Denk- und Verhaltensweisen eins zu eins auf Geschäftsbesuche in Österreich übertragen zu können, der kann böse Überraschungen erleben.

Fotos: iStock/Aleksandra Aleshchenko, iStock/TwilightEye, Anna Lassonczyk, iStock/KenWiedemann,iStock/microstocker

Immer wieder ist Anna Lassonczyk, Diplom-Kulturwirtin und zertifizierte interkulturelle Trainerin, verwundert, wie leichtfertig deutsche Führungskräfte und Mitarbeiter ihren möglichen Geschäftserfolg in Österreich aufs Spiel setzen. „Nur selten bereiten sie sich abseits ihrer beruflichen Inhalte intensiv auf ihre Geschäftspartner in der Alpen­republik vor – und tappen dadurch in die Ähnlichkeitsfälle“, berichtet die gebürtige Polin, die seit über zehn Jahren ihr Unternehmen in Deutschland führt. Mit letzterem Begriff umschreibt sie die Tatsache, dass ähnliche kulturelle Hintergründe und eine recht ähnliche Sprache noch lange nicht bedeuten, dass auch die Kommunikationsstrategien und die Arbeitsgewohnheiten in beiden Ländern identisch sind. In diesem Kontext verweist sie auch gern zum Einstieg in ihre Trainings und Keynotes darauf, dass in Österreich oftmals ein Dialekt gesprochen wird, der mehr oder weniger leicht zu verstehen ist, und dass es im dortigen Vokabular auch einige „falsche Freunde“ gibt. Ihr Paradebeispiel dafür ist der berühmte Palatschinken der in Wirklichkeit kein Schinken sondern ein Pfannkuchen ist. Sie rät daher, die Reise nach Österreich unter der Prämisse anzutreten, das vieles in beiden Ländern ähnlich, aber fast nichts gleich ist. Das zeigt sich beispielsweise unmittelbar nach dem gegenseitigen Überreichen der Visitenkarten. Während ein Deutscher sich fortan über die persönliche Ansprache mit seinem Namen freut, erwartet ein Österreicher, dass er zusätzlich mit seinem Titel angesprochen wird, egal ob dieser Doktor, Magister oder Ingenieur lautet. „In Österreich wird erheblich mehr Wert auf den Titel als in Deutschland gelegt, auch wenn die vorhandenen Titel weitestgehend die gleichen sind. Dementsprechend empfiehlt es sich, auch in Mails und Briefen den vollständigen Titel des österreichischen Ansprechpartners zu nennen – selbst wenn er lang ist“, so Lassonczyk.

In Österreich ist man lockerer

Neben der hohen Wertschätzung für Titel hat die Kulturwirtin bei den Österreichern auch eine gewisse Lockerheit beobachtet, die den Deutschen hier und da zu fehlen scheint. Dazu gehört nicht nur der vielfach schnellere Distanzwechsel vom Sie zum Du als dies in Deutschland der Fall ist, sondern auch die Wahl des Ortes für die geschäftliche Besprechung. Dieser muss bei unseren Nachbarn nämlich nicht zwingend der Konferenzraum oder das Büro sein. Ebenso wird die gemütliche Atmosphäre in Kaffeehäusern und Restaurants geschätzt. „Da kommt bei den Österreichern wohl das eher italienische Lebensgefühl durch. Das Geschäftstreffen verliert dadurch aber nicht an Seriosität, sondern wird genauso zielorientiert wie im Büro durchgeführt“, erklärt Lassonczyk. Im Zuge ihrer Tätigkeit hat sie einen weiteren Wesenszug unter Österreichern ausgemacht, der ihr sympathisch ist. „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die beruflichen Hierarchien dort deutlich flacher als in Deutschland sind und dass dadurch vielfach auch die Entscheidungswege kürzer werden. Zudem stehen die Österreicher möglichen Zwischenlösungen offener gegenüber, als dies bei vielen Deutschen der Fall ist.“

Den „großen Bruder“ zu Hause lassen

Vor diesem Hintergrund rät Lassonczyk den Deutschen vor allem, den Österreichern mit dem erforderlichen Maß an Wertschätzung gegenüberzutreten: „Der Blickwinkel vom großen auf den kleinen Bruder ist dabei alles andere als hilfreich und gefällt Österreichern gar nicht.“ Er führe eher dazu, dass sich die Gastgeber genötigt sähen, ihre Eigenständigkeit und ihr Selbstwertgefühl zu betonen. Etwa in dem Sinne: Wir sind nicht das 17. deutsche Bundesland. Wer jedoch deutlich zeigt, dass er das Land und seine Besonderheiten schätzt, der kann schnell Pluspunkte sammeln. Deshalb empfiehlt Lassonczyk, vor der Geschäftsreise einfach mal einen Blick ins Internet zu werfen und zu schauen, was die kulturellen Highlights der entsprechenden Region sind, welcher lokale Sänger oder Künstler gerade besonders erfolgreich ist oder welche kulinarischen Spezialitäten die Gegend zu bieten hat. „Wenn Sie Gespräche über diese Themen mit Leben füllen können, dann dauert es nur wenige Minuten, bis Sie das Herz eines Österreichers zum Schmelzen bringen“, weiß die Expertin.

Ein dickes Fell einpacken

Deutschen Geschäftsreisenden empfiehlt sie, neben der entsprechenden Wertschätzung auch – im übertragenen Sinne – ein etwas dickeres Fell mit ins Reisegepäck zu packen, um gegebenenfalls den einen oder anderen österreichischen Seitenhieb in Sachen „Piefke“ leichter verdauen zu können. Denn die Menschen in der Alpenrepublik seien sehr humorvoll und machten gern Scherze – auch über die Deutschen. „Nehmen Sie das entsprechend locker und beweisen Sie, dass Sie Humor haben. Und wenn Sie schon dabei sind, fallen Sie inhaltlich bitte nicht mit der Tür ins Haus. Es kommt in Österreich deutlich besser an, wenn man die Dinge indirekt und möglichst höflich äußert. Der Ton macht die Musik.“ Trotz der hier genannten Unterschiede lässt sich aber feststellen, dass die Schnittmengen zwischen beiden Ländern erheblich größer als die Unterschiede sind. Das spiegelt sich insbesondere in Bezug auf die Pünktlichkeit wider, die in Österreich ebenso geschätzt wird wie hierzulande. „Auch dort ist ein Termin ein Termin, der entsprechend eingehalten werden sollte – am besten ohne die im Volksmund oft zitierte akademische Viertelstunde“, so Lassonczyk mit einem Augenzwinkern. (bre)

„Der Ton macht die Musik.“

Anna Lassonczyk, Diplom-Kulturwirtin und zertifizierte interkulturelle Trainerin

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Die Parallelen zwischen Deutschland und Österreich sind größer als die Unterschiede. Das fällt nicht nur Philatelisten ins Auge.

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