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Afrika macht mobil

Die Digitalisierung bietet viel Potenzial für die Entwicklung im südlichen Afrika. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und will mit der Initiative „Digitales Afrika“ IT-Lösungen als festen Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit etablieren. Zudem soll die Zusammenarbeit mit der deutschen und europäischen Wirtschaft gestärkt werden.

Foto: Pixabay

Die südafrikanischen Staaten liegen bei der Internetversorgung im Vergleich zu anderen Regionen des Kontinents mit rund 50 Prozent vorn. Je nach ­Statistik sind es beispielsweise in Südafrika zwischen 53 und 56 Prozent, in Namibia 31 bis 51 Prozent. Allerdings gehören die Kosten für einen Internetzugang nach Angaben der Allianz­ für ein bezahlbares Internet in den afrikanischen Ländern insgesamt noch immer zu den teuersten der Welt. Mit zehn US-Dollar pro Daten-Gigabyte sind die Preise in Südafrika und Namibia zwar nicht die teuersten auf dem Kontinent, aber dennoch weit entfernt vom Ziel der UNO-Breitbandkommission, dass ein Daten-Gigabyte nicht mehr als zwei Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens kosten sollte.

Ein übergreifender Trend in allen südafrikanischen Staaten ist, dass der Hauptzugriff auf das Internet mobil, also über Smartphones erfolgt. In Südafrika liegt dieser Wert bei 75, in Namibia bei 66 Prozent. Nach Angaben des „Digital 2019 ­Reports“ von Datareportal.com haben 36 Prozent der Bevölkerung in den südafrikanischen Staaten einen aktiven und mobil genutzten Account auf den großen Plattformen der sozialen Medien. Überdies steigt die Bedeutung des E-Commerce. Hier wurden in Südafrika 2019 insgesamt 3,3 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Über 55 Prozent der regelmäßigen Internetnutzer erwarben ein Produkt oder eine Dienstleistung online. Dabei wurden 38 Prozent dieser Einkäufe von einem mobilen End­gerät getätigt. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl von nur 2,5 Millionen Menschen tut sich Namibia noch schwer, internationale Investoren für den E-Commerce zu gewinnen. Allerdings ist dort ein anderer Trend zu beobachten: Immer mehr Menschen haben aufgrund der Digitalisierung Zugriff auf Finanzmittel und einen besseren Zugang zu Informationen.

Enormes Potenzial – und Risiken

Allein in Südafrika könnte die weitere Digitalisierung nach Angaben des Beratungsunternehmens Accenture für eine Wertschöpfung von fünf Billionen Rand – mehr als 300 Milliarden Euro – sorgen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beobachtet ähnliche Trends. So ist die Intensität der Informations- und Kommunikationstechnologie an Arbeitsplätzen in Südafrika in den vergangenen zehn Jahren um 26 Prozent gestiegen. Langfristig wird die Digitalisierung nach Einschätzung des BMZ in allen afrikanischen Ländern für mehr Jobs und Wertschöpfung sorgen. Laut einer Studie von Deloitte könnte der Ausbau des mobilen Breitbandinternets in Entwicklungsländern die Produktivität um bis zu 25 Prozent steigern. Dies würde bis zu 140 Mil­lionen neue Jobs schaffen. Und zwar da, wo diese ebenso wie Zukunftsperspektiven dringend nötig sind.

Sollte es Südafrika, das als einziges afrikanisches Land zu den G-20-Mitgliedern zählt, hingegen zwischen 2018 und 2028 nicht gelingen, die nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen für das neue Technologiezeitalter zu entwickeln, steht in den nächsten zehn Jahren ein Wirtschaftswachstum von 152 Milliarden US-Dollar auf dem Spiel.

„Mit der Digitalisierung kann Afrika riesige Entwicklungssprünge machen. Dazu müssen wir das volle Potenzial heutiger Technik nutzen, um für die jungen Afrikaner neue Chancen in der Ausbildung, im Agrarbereich, in der Medizin oder im Tech-Sektor zu schaffen“, betont auch Bundesentwicklungs­minister Gerd Müller. Im Jahr 2015 hat das BMZ mit der Initiative „Digitales Afrika“ daher ein Instrument geschaffen, um die Entwicklungszusammenarbeit und Digitalisierung fest miteinander zu verknüpfen. Die Initiative reiht sich in den Marshallplan mit Afrika, der im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert ist, und die Strategie des BMZ „Digitalisierung für Entwicklung“ ein.

Um die vorhandenen Potenziale besser zu nutzen, rief das Ministerium im gleichen Jahr zudem ein neues Netzwerk ins Leben: die Strategische Partnerschaft Digitales Afrika (SPDA). Diese bringt europäische Unternehmen gezielt mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit zusammen, sodass diese ihre Kräfte bündeln und gemeinsame Lösungen erarbeiten können. Gegenwärtig engagieren sich dort rund 180 Partner, darunter sowohl große Firmen wie SAP, Siemens und KPMG als auch kleine und mittelständische Unternehmen. In sechs thematischen Expertengruppen (Bildung, Elektrifizierung, Gesundheit, Good Governance, Landwirtschaft und Mobilität) kommen Mittelständler, Start-ups und Konzerne mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit zusammen, um sich über innovative Ansätze auszutauschen und gemeinsame Ideen für Projekte zu entwickeln.

Fakten

Haushalte mit Internetanschluss 2018
Quellen: Statista, Digital 2019 Report von datareportal.com

  • Deutschland 94% 94%
  • Südafrika 54% 54%
  • Namibia 31% 31%

Die südafrikanische Logistik-Start-up-Szene boomt. Zehn Beispiele, stellvertretend für derzeit rund 80 Jungunternehmen:
Bellville Key Telematics (2009) | Durban Bottles (2016) | Johannesburg CQuential (2005) Parcelninja (2012) Fast Van (2015) | Kapstadt Pargo (2014) BidShip (2015) Hitchhiker (2016) | Midrand Droppa (2015) | Somerset West WMS (2015); Quelle: www.tracxn.com

„Mit der Initiative ‚Digitales Afrika‘ setz das Entwicklungsministerium bereits über 50 Projekte mit einem Volumen von 150 Millionen Euro um. Von der Stärkung der guten Regierungsführung mit internetbasierter Bürgerbeteiligung über neue Verkaufswege für Bauern per App bis zur medizinischen Versorgung auf dem Land per Telemedizin“, so Müller. „Das ermöglicht ganz reale Entwicklungssprünge und eröffnet auch deutschen und europäischen Unternehmen neue Investitionschancen.“

„Make-IT“ fördert Start-ups in Afrika

Ein ebenfalls 2015 gestartetes Projekt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der Initiative „Digitales Afrika“ ist „Make-IT“, das offen ist für Kooperationen mit Partnern aus der ganzen Welt. Diese Tech-Entrepreneurship-Initiative hat zum Ziel, die lokalen Rahmenbedingungen für Technologie-Start-ups zu verbessern, um so vor Ort digitale Innovationen zu fördern und langfristig neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Rahmen von „Make-IT“ kooperiert das BMZ mit über 20 deutschen Digitalfirmen, Sozialunternehmen und Verbänden. Bisher wurden durch „Make-IT“ über 800 Tech-Start-ups in den Partnerländern durch verschiedene Maßnahmen wie Vernetzungsmöglichkeiten und Weiterbildungsangebote unterstützt. Auf welch fruchtbaren Boden die BMZ-Initiative in Afrika trifft, weiß Erick Yong, Vorstand von GreenTec Capital in Frankfurt am Main. „Die Mittelschicht wächst und mit ihr der E-Commerce, wodurch eine höhere Nachfrage an Logistikdienstleistungen entsteht.“ Das zeigt sich auch an der Summe der Investitionen in Höhe von einer Million US-Dollar 2018, an der Logistik-Start-ups mit einem Anteil von zwölf Prozent nach Fintechs mit 38 Prozent den zweitgrößten Anteil hatten. „Allerdings kann die Entwicklung der Infrastruktur mit dem Tempo dieser Entwicklung nicht mithalten.“ Die große Herausforderung ist daher, diese für den wachsenden B2C-Markt auszubauen. „Der Wille des BMZ, hier partnerschaftlich zu unterstützen, ist daher sehr zu begrüßen“, so Yong. (cb)

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Bremens Engagement in Namibia

Das Bundesland Bremen unterhält im Rahmen des Bund-Länder-Pilotprogramms (BLP) eine Partnerschaft mit Namibia und ist dabei in der Berufsbildung, Mobilität und Logistik aktiv. Im Bereich Mobilität und Logistik arbeitet das BLP in Namibia mit dem bilateralen Vorhaben für technische Zusammenarbeit „Transport, Mobilität, Logistik“ zusammen, das seit 2004 die Entwicklung des namibischen Transport­sektors fördert.

In Bremen sind die Hauptpartner die Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, die Bremer Straßenbahn (BSAG), der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), die Universität Bremen und bremenports.

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