„Es ist bereits fünf nach zwölf!“
Mit Blick auf den Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU), ein geheimes strategisches Dokument der Bundeswehr, das die Verteidigung Deutschlands im Bündnis- und Spannungsfall regelt, schauen Oberst Thomas Geßner, Kommandeur des Landeskommandos der Bundeswehr in Bremen, und Uwe Oppitz, Gruppengeschäftsführer bei Rhenus Ports, auf die aktuelle Lage in der „Schlüsselregion Nordwest“. Eine Ist-Analyse aus militärischer und ziviler Sicht.
„Wir werden bedroht und de facto täglich angegriffen.“
Oberst Thomas Geßner, Kommandeur des Landeskommandos der Bundeswehr in Bremen
Oberst Geßner: Die aktuelle Lage ist ernst! Wir werden bedroht und de facto täglich angegriffen! Russland hat spätestens mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine einen bewaffneten Konflikt nach Europa gebracht. Darüber hinaus kann man nicht mehr von einem Frieden in Mitteleuropa reden. Wir befinden uns in einem Zustand, der zwar noch keinen offenen Konflikt darstellt, aber bereits jetzt ist Deutschland hybriden Angriffen gegnerischer Akteure ausgesetzt – Desinformationskampagnen, Cyberattacken, Spionage und Sabotage –, deren Urheber meist nicht eindeutig benannt werden können.
Oppitz: Ich finde die Weltlage gerade extrem beängstigend. Es zeigt sich immer mehr, dass wir in einer Welt leben, in der alte Muster von Nationen wie Russland, Nordkorea und den USA aufgebrochen und damit wichtige Werte ad absurdum geführt werden. Dabei erlebe ich diese Entwicklung nicht nur tagtäglich in den Medien, sondern auch mit Kolleginnen und Kollegen, die im Iran, Oman oder in Dubai sitzen und ihre Meinung eben nicht mehr frei kommunizieren können – unter anderem weil WhatsApp, Internet und Co. blockiert sind. Mit Blick auf Deutschland habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft und die Politik immer noch nicht so weit sind, ihr Mindset zielführend an die aktuelle Situation anzupassen. Und dass, obwohl es bereits „fünf nach zwölf“ ist.
LOGISTICS PILOT: Was bedeutet der Operationsplan Deutschland vor diesem Hintergrund für die deutschen Seehäfen?
Oberst Geßner: Der OPLAN DEU ist das Kernelement des militärischen Anteils an der Gesamtverteidigung Deutschlands. In diesem Plan werden die zentralen militärischen Anteile der Landes- und Bündnisverteidigung in Deutschland mit den dafür erforderlichen zivilen Unterstützungsleistungen zusammengeführt, um im Krisen- und Konfliktfall zielgerichtet zu handeln. Deutschland kommt für eine glaubhafte Abschreckung und erfolgreiche Verteidigung aufgrund seiner zentralen Lage in Europa eine große Rolle als logistische Drehscheibe für die Truppenverlegungen zu. Dabei müssen wir die „Stetigkeit des Marsches“ garantieren und auch die ausländischen Kameraden schützen und versorgen. Gerade für den Materialtransport an die NATO-Ostflanke sind die deutschen Seehäfen an der Nordsee entscheidend, denn diese Häfen sichern uns den Zugang zum Atlantischen Ozean.
Oppitz: Die Häfen in Niedersachsen sind bereits gut aufgestellt. Dennoch bin ich mir sicher, dass die Anforderungen noch massiv steigen werden. Erst recht, wenn der Bündnis- oder der Verteidigungsfall eintritt und die Häfen zunehmend als logistische Drehscheiben für den Umschlag von Truppen und schwerem militärischen Gerät dienen. Dafür müssten aber weitere Flächen, Sozialräume und Maßnahmen zur Drohnenabwehr und gegen Sabotage geschaffen werden – ganz zu schweigen von den Herausforderungen, die dann in Sachen Schwerlastfähigkeit auf RoRo-Rampen und Krane zukommen. Da die Häfen aber unlängst als kritische Infrastruktur eingestuft wurden, investiert der Bund massiv in ihre Infrastruktur und ihren Ausbau als militärische Logistikhubs. Allein nach Bremerhaven sollen dafür 1,35 Milliarden Euro fließen.
„Es müssen weitere Flächen, Sozialräume und Maßnahamen
zur Drohnenabwehr geschaffen werden.“
Uwe Oppitz, Gruppengeschäftsführer Rhenus Ports
Oberst Geßner: Der OPLAN DEU regelt den schnellen Aufmarsch und die Versorgung verbündeter wie auch eigener Streitkräfte in Krise und Krieg. Entsprechend den Planungen der NATO müssen hierbei mehrere Hunderttausend Soldaten unter großem Zeitdruck logistisch und medizinisch versorgt und geschützt werden. Essenzieller Bestandteil der NATO-Abschreckungsplanung ist unsere Resilienz – und zwar keine rein militärische, sondern eine gesamtgesellschaftliche, die eine enge Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft und Bundeswehr voraussetzt. Ganz besonders in den deutschen Seehäfen an der Nordsee wird es große logistische Herausforderungen geben, die nur durch eine intakte und funktionierende Hafeninfrastruktur sowie weitere Infrastruktur bewältigt werden können.
Oppitz: Der sicherheitspolitische Dialog zwischen der Bundeswehr und den Unternehmen in den Häfen läuft bereits gut. Zu diesem Zweck hat es in den vergangenen Jahren einen intensiven Austausch auf verschiedenen Ebenen gegeben. So besucht das Landeskommando Niedersachsen die niedersächsischen Häfen regelmäßig, um gemeinsam mit den Betreibern über ihre Ausstattung zu sprechen und sich ein Bild von den aktuellen Entwicklungen vor Ort zu machen. Auch auf der LOG.NET Messe im März in Koblenz stand der Austausch zwischen Bundeswehr, Indus-trie und Wissenschaft ganz oben auf der Agenda – vor allem zu militärischen Logistiklösungen, Digitalisierung und Resilienz. Über diese und weitere Wege besitzt man auch in Berlin einen guten Überblick, was die Leistungsfähigkeit der Häfen sowie ihre Anschlussmöglichkeiten auf der Straße, der Wasserstraße und den Gleisen betrifft.
LOGISTICS PILOT: Warum ist der Nordwesten der Bundesrepublik Deutschland für den Operationsplan so entscheidend?
Oberst Geßner: Ich spreche hier gerne von der „Schlüsselregion Nordwest“ als einem zentralen Aufmarschgebiet. Dieses spielt eine ganz entscheidende Rolle für den OPLAN DEU. Der Umschlag von militärischen Fahrzeugen und Personal erfolgt mit Unterstützung von erfahrenen Betreibern in dieser Region. Gute und, wenn immer möglich, redundante Anbindung an das Straßen- und Schienennetz sowie die Abstützung auf medizinische Einrichtungen sind zwingend.
Oppitz: Weil wir zwischen Emden und Cuxhaven eine Vielzahl gut funktionierender Häfen haben, in denen der Umschlag von Militärgütern bereits seit Jahren gelebte Praxis ist. Das gilt ebenso für den Umgang mit Stoffen der Gefahrgutklasse 1, also explosiven Stoffen. Mehr kann und will ich dazu auch nicht sagen, denn es gibt einfach Dinge, die man so in der Öffentlichkeit nicht kommunizieren muss. (Anm. der Red.: Und er ergänzt mit einem Augenzwinkern) Schließlich wollen wir Putin und seinen Geheimdiensten ja nicht die Arbeit abnehmen. (bre)







