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Magazin für Häfen, Schifffahrt und Logistik

Um die Ecke gedacht

Die EMS-Fehn-Group ist auf besonders große, voluminöse und schwere Ladung spezialisiert. Als Alleinstellungsmerkmal sieht die Leeraner Unternehmensgruppe neben dem fachlichen Know-how und eigenem Equipment vor allem eine gute externe wie interne Kommunikation.

Alle Varianten durchzuspielen und zu kalkulieren ist im Projektladungsgeschäft unverzichtbar: Denn auch was logistisch auf den ersten Blick eher fernliegend erscheint, kann letztlich der günstigste und/oder schnellste Weg ans Ziel sein.

Fotos: EMS-FEHN-GROUP

Dass man Dominic Sleur für das Interview zu diesem Beitrag in Finnland erreicht, ist in mehrerer Hinsicht aussagekräftig. So ist Skandinavien für die EMS-Fehn-Group, deren CSO (Chief Sales Officer) er ist, ein wichtiger Markt, und vier umfangreiche Transport-projekte in der Region können nach seiner Philosophie am besten persönlich vor Ort betreut werden.

Und auch dass es in Finnland gerade um Onshore-Windparks geht, ist kein Zufall. Schließlich gehören diese zum Kerngeschäft der Gruppe mit ihren insgesamt 18 Unternehmen mit Niederlassungen beziehungsweise eigenen Büros in zehn Ländern. „Im Segment Onshore-Windenergie machen wir weltweit viel und sind in den vergangenen Jahren auch stark gewachsen“, unterstreicht Sleur. „Das gilt unter anderem für Dienstleistungen mit Großkränen, mit denen wir als Gruppe den Aufbau von Windparks, etwa in Schweden und Finnland, unterstützen.“
Gerade in Skandinavien sei die Nachfrage zuletzt steil nach oben gegangen: „Der Bedarf an Logistik- und Kranleistungen ist riesig und wird, ausgelöst durch die Energiekrise, auch noch weiter steigen“, beobachtet der CSO. „Ähnliches gilt im Prinzip für ganz Europa.“ Die Offshore-Windenergie, die ebenfalls stark ausgebaut wird, zählte hingegen bisher eher nicht zu den zentralen Themen der Gruppe. Das aber könnte sich nun ändern: „Wir sehen da durchaus Potenzial und das große Ladungsvolumen. Das Segment ist grundsätzlich interessant für uns, beispielsweise wenn es um den Transport von Anlagen sowie um Kräne für deren Umschlag geht.“

Eigene Assets sind Bestandteil der Unternehmensphilosophie

Auch mit ihren Assets kann die Gruppe punkten: So verfügt sie über zwei eigene Hafenterminals – das eine in Durrës, Albaniens wichtigstem Hafen, das andere im niedersächsischen Papenburg. Darüber hinaus wird am Standort der Schwerlastspedition EFG Heavy Haulage in Lübeck derzeit der Betrieb eines weiteren Terminals aufgebaut. Schon jetzt werden auch dort Güter umgeschlagen und gelagert.

Hinzu kommt eine eigene Flotte aus General-Cargo-Schiffen mit einer Gesamttragfähigkeit von jeweils 2.600 bis 9.650 Tonnen. „Unsere Schiffe sind vornehmlich im europä-ischen Küstenverkehr im Einsatz und verfügen zum Teil über eigenes Ladegeschirr“, berichtet der Chefvertriebler. Und auch beim Landtransport auf der Straße setzt die Gruppe auf eigene Fahrzeuge: Dazu zählen für den Schwerlastverkehr ausgerüstete Zugmaschinen samt einer Vielzahl verschiedener Trailer.

Welche Bedeutung diese Assets haben, zeigt sich besonders in Zeiten der Disruption. „Ganz wichtig ist, dass wir, wenn es hart auf hart kommt, immer auf unsere eigenen Schiffe zurückgreifen können, genauso wie auf unsere eigenen Lkws“, so Sleur. Die Wahrscheinlichkeit dafür hat durch die aktuelle Situation jedenfalls zugenommen. „Vor einigen Jahren noch war es deutlich einfacher, Projektladung auf Schiffen unterzubringen. In der Regel ließen sich gleich mehrere Anbieter für eine Fracht begeistern, was sich natürlich auch positiv auf den Preis ausgewirkt hat“, sagt der CSO. Seitdem habe sich der Markt komplett gedreht: Nun gehe es nicht mehr darum, einen Preisnachlass auszuhandeln, sondern die Reederei zu wählen, die belastbar genug ist, auch in schwierigen Zeiten zu performen, so Sleur.

Im Projektladungsgeschäft sind überdies die im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie um 50 Prozent gestiegenen Seefrachtraten ein besonderes Problem. „Zum Teil wurden die Projekte vor zwei Jahren kalkuliert, so viel Puffer ist im Budget natürlich nicht eingerechnet“, unterstreicht der Vertriebsmanager. Auch die Zeitplanung habe sich grundlegend verändert: „Für große Volumina aus China wird im Moment bereits im Anfragestadium des Projekts die Verstopfung in den Häfen Einkalkuliert.“

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Typische Ladung in den bremischen und niedersächsischen Seehäfen sind Gondeln

Neben Teilen für Onshore-Windparks transportiert die Gruppe aber auch Anlagen ganz anderer Art. Ein Beispiel dafür war eine Asphaltmischanlage eines internationalen Herstellers: „Für die Reederei NYK war es bislang die größte Einzelverladung auf einem RoRo-Schiff in Bremerhaven.“ Typische Ladungen in der Region sind zudem Windenergieanlagen, die in den bremischen und niedersächsischen Seehäfen umgeschlagen werden.

Unabhängig vom Ladegut ist im Projektgeschäft die Beziehung zu den Kunden von großer Bedeutung. Schließlich muss anders als bei containerisierter Ladung intensiver kommuniziert und abgestimmt werden. Genau das kann allerdings durchaus herausfordernd sein, da jeder Kunde unterschiedliche Bedürfnisse hat. Dazu zählen länderspezifische ebenso wie unternehmenskulturelle Unterschiede: „Für manchen Kunden ist es zum Beispiel ganz wichtig, dass wir beim Reporting die Hierarchie einhalten. Anderen Firmen mangelt es an Erfahrung in der Logistik, und die sind verständlicherweise sehr dankbar, wenn wir ihnen so gut wie alles, was den Transport betrifft, abnehmen.“

In jedem Fall sei es unerlässlich, immer alles genau zu prüfen. „Das Wichtigste ist, akribisch zu sein“, betont Sleur, „von der Ausarbeitung über die Kalkulation bis zur Dokumentation im Zuge der Abrechnung.“ Was simpel klingen mag, ist es in der Realität aber nicht immer. So können etwa für die aktuell vier parallel laufenden Projekte in Finnland mindestens acht Häfen entlang der Westküste genutzt werden. „Natürlich ist es mühsam, mit allen Linienreedereien zu sprechen sowie sämtliche Vor- und Nachlaufkonstellationen durchzuspielen, vor allem wenn das auf den ersten Blick logistisch nicht auf der Hand liegt.“ Im Ergebnis könne diese Vorgehensweise jedoch günstiger und/oder schneller sein.

„Wenn ich nicht alle Optionen prüfe und sich hinterher herausstellt, dass es noch eine attraktivere Option gegeben hätte, bekommt beim nächsten Mal jemand anderes den Auftrag“, erklärt der CSO. Unverzichtbar seien daher flache Hierarchien und eine gute Kommunikation. „Alle Fragen müssen gestellt werden dürfen“, betont Sleur. Nur so kann man herausfinden, ob beispielsweise statt eines kanadischen Hafens einer an der US-amerikanischen Ostküste letztlich nicht doch deutlich günstiger ist – obwohl sich noch 2.000 Kilometer Bahntransport anschließen. Wenn dieser Plan dann noch gut kommuniziert wird, ist das ein klares Alleinstellungsmerkmal. (cb)

Fakten

EMS-Fehn-Group

Hauptsitz: Leer
Gründung: 1984
Projektladung per Schiff 2021: Frachttonnen im siebenstelligen Bereich
Anzahl Unternehmen in der Gruppe: 18
Niederlassungen/eigene Büros: 10 Länder
Umsatz der Gruppe 2021: rund 120 Millionen Euro
Mitarbeiterzahl: rund 360 (280 an Land und 80 auf See)

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