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Wenn jedes Wort zählt

Wir Deutschen reden auf geschäftlicher Ebene oftmals viel und schnell. Eine von mehreren Eigenschaften, die in Skandinavien, wo „Jante“ und „Hygge“ hoch im Kurs stehen, nicht immer gut ankommen.

Fotos: Anita Jeanine Photography/Unsplash, Chones/Shutterstock, Campaign Creators/Unsplash, Steiert

Skandinavien ist nach Kilometern nicht annähernd so weit von Deutschland entfernt wie beispielsweise Südafrika oder China. „Aber in mancher Hinsicht trennen die Nordländer und uns Lichtjahre“, weiß Dr. Liane Steiert, Trainerin für interkulturelle Zusammen­arbeit, aus jahrelanger Erfahrung und zahlreichen Aufenthalten in der Region zu berichten. Selbst zwischen Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland gebe es teils erhebliche Unterschiede, die es im Hinterkopf zu behalten gilt, wenn man auf geschäftlichem Terrain nicht ausrutschen oder direkt in die Schublade „typisch deutsch“ gesteckt werden möchte. „Dabei sind die Skandinavier mindestens genauso unterschiedlich und facettenreich wie die Menschen in der sogenannten ­D-A-CH-Region. Auch hier sollte tunlichst vermieden werden, Deutsche, Österreicher und Schweizer über einen Kamm zu scheren“, empfiehlt Steiert.

Doch zurück in den Norden Europas nach Schweden. Dort gilt das Jantelagen, oder auch „Gesetz des Jante“ genannt. Dies ist aber kein Gesetz im eigentlichen Sinne, sondern eher eine gesellschaftliche Verhaltensrichtlinie, die die schwedische Art der sozialen Gleichheit widerspiegelt und die es den Menschen nahezu unmöglich macht, aufdringlich zu sein oder sich in den Vordergrund zu stellen. „Diese Art der Bescheidenheit trifft in gewisser Abstufung auf alle skandinavischen Länder zu. Durch das Prinzip der Gleichstellung ist zudem das berufliche Zusammenleben deutlich weniger von sichtbaren Hierarchien geprägt als bei uns“, so Steiert. Vor diesem Hintergrund schätzen es die Skandinavier beispielsweise nicht, wenn jemand wie der sprichwörtliche „Hecht im Karpfenteich“ auftritt und dann auch noch in Diskussionen meint, die Wahrheit gepachtet zu haben. Denn zwischen der Gedser Odde und dem Nordkap werden Einigkeit und Konsens vor allem über teils lange Gespräche und eben nicht über Diskussionen erzielt. „Viele Deutsche neigen deshalb dazu zu sagen, dass die Menschen in den Nordländern konfliktscheu seien. Das würde ich nicht unterschreiben. Sie haben einfach eine andere Art, mit Konflikten und unterschiedlichen ­Ansichten umzugehen“, umreißt Steiert.

Als „Weltmeister langer Konsensfindungen“ betitelt sie dabei die Schweden. Denn dort komme in der Regel jeder ­Gesprächsteilnehmer zu Wort – und zwar so lange, bis sich alle Beteiligten mit der getroffenen Marschrichtung anfreunden können. Auf die Dänen und Norweger trifft das in ähnlicher Weise zu, wobei insbesondere die Norweger gern in kurzen Sätzen, ruhig und langsam sprechen. Deshalb empfinden sie – wie viele Skandinavier – eine schnelle, aufgeregte Sprechweise, wie wir Deutschen sie häufig an den Tag legen, als negativ. Das gilt in noch vehementer Form für die Finnen. „Die Finnen reden generell nicht viel, dafür zählt jedes Wort – und das wird stets mit Bedacht gewählt“, so Steiert. Gleichzeitig sei es im Land der 1.000 Seen nicht unüblich, dass der Aufbau von geschäftlichen Beziehungen außerhalb des Büros, zum Beispiel im Restaurant oder in der Sauna, erfolge. Ganz anders als in Schweden und Dänemark, wo sich Gäste nach Feierabend, abgesehen von einem leckeren Businessdinner, um sich selbst kümmern, weil sich die Gastgeber in den Kreis ihrer Familien zurückziehen. „Die Schlussfolgerung, dass die Skandinavier weniger arbeiten, weil sie früh Feierabend ­machen, ist allerdings nicht angebracht. Denn durch eine ausgewogene Life-Balance sind sie auch nach der Bürozeit via E-Mail erreichbar und erledigen einige Arbeiten am Abend, wenn zum Beispiel die Kinder im Bett sind“, so die Expertin.

„Die Skandinavier neigen nicht dazu, Informationen mit dem Füllhorn ­auszuschütten.“

Dr. Liane Steiert,
Trainerin für ­interkulturelle Zusammenarbeit

Die Skandinavier sind angenehme Gesprächspartner beim Business­talk – haben aber eine andere Art als wir, mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen. Zudem spielt Pünkt­lichkeit bei ihnen eine sehr wichtige Rolle.

Unpünktlich gilt als unhöflich

Die Dänen sind echte Familienmenschen, denen ein zufriedenes Miteinander sehr wichtig ist. Ihr Lebensgefühl bezeichnet der Begriff „hygge“, der so viel wie ­„gemütlich“ oder „behaglich“ bedeutet. Da Fremde von ihnen gern als „uhyggelig“ ­tituliert werden, laden die Dänen diese auch nur selten nach Hause ein. Dafür wird sich im Norden privat und geschäftlich ganz entspannt per Handschlag begrüßt und das Gegenüber konsequent mit „Du“ und Vor­namen angesprochen. Das gilt selbst zwischen Journalisten und Politikern. „Als deutscher Gast ist man davon am Anfang ziemlich irritiert“, weiß Steiert. Da sei es hilfreich zu wissen, dass Respekt nicht durch die Benutzung des Nachnamens, sondern durch ein entsprechendes Verhalten ausgedrückt wird. Ähnlich salopp ist auch die Kleiderordnung in skandinavischen Büros. Hier ist das Tragen von Krawatten eher unüblich. Das ändert sich ­jedoch, wenn es zu abendlichen Geschäftsessen oder Familien­festen geht. Denn in allen vier Ländern wird großen Wert auf ein stilvolles Auftreten gelegt, wobei die Herren bei dieser ­Gelegenheit auch gern mal zum Binder greifen. Und egal, wo und mit wem ein Treffen bevorsteht: Pünktlichkeit wird in den nordischen Ländern sehr geschätzt, jemanden warten zu lassen gilt als unhöflich. Und zwar genauso, wie die Zeit eines Geschäftspartners über den vereinbarten Terminzeitraum ­hinaus in Anspruch zu nehmen. Diese Art der Unhöflichkeit soll vor allem unter deutschen Geschäftspartnern sehr verbreitet sein, munkelt man im Norden Europas. Visitenkarten werden dort ohne große Formalitäten ausgetauscht. Denn Titel sind in Skandinavien, bedingt durch die bereits angesprochene Gleichheit, eben nicht so bedeutend.

Keine Infos aus dem Füllhorn

In der Gesamtbetrachtung gibt Steiert zu Bedenken: „Wer in Skandinavien genauso agiert wie in Deutschland, muss sich nicht wundern, wenn einiges nicht so läuft wie gewünscht. Die Kernfrage ist halt: Was will ich erreichen?“ Deshalb empfiehlt sie vor allem, gut zuzuhören und entsprechende Fragen zu stellen. „Die Deutschen sind kein Volk der Fragenden und treten nach außen eher als Volk der Wissenden auf. Das kommt nicht nur in Skandinavien wenig gut an“, so Steiert. Für den geschäftlichen Mailverkehr rät sie überdies, nicht einfach nur nach Daten und Fakten zu fragen, sondern ­explizit zu sagen, wofür diese benötigt würden. „Die Skandinavier neigen nicht dazu, Informationen mit dem Füllhorn aus­zuschütten“, gibt sie zu bedenken. Wird dieser Einstellung und den zuvor genannten skandinavischen Eigenarten ­allerdings Rechnung getragen, erhöhen sich die Chancen, dass es auch mit den nordischen Nachbarn hervorragend klappt … (bre)

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